Sport : Ein Einsiedler zieht um

Formel-1-Star Fernando Alonso verlässt den Rennstall McLaren-Mercedes

Christian Hönicke

Berlin - Zum Schluss gab es wenigstens eine Angelegenheit, in der Fernando Alonso und die Führung von McLaren-Mercedes die gleiche Meinung vertraten. „Die Trennung geschah einvernehmlich“, sagte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Nach einer Saison voller Querelen bis hin zu Erpressungsversuchen zwischen dem zweifachen Weltmeister aus Spanien und dem englisch-deutschen Formel-1-Rennstall entschloss man sich, die vertraglich eigentlich noch bis 2009 fixierte Liaison vorzeitig zu beenden. Es sei „im besten Interesse beider Parteien, die Beziehung zu beenden“, hieß es in der offiziellen Mitteilung des Teams. „Manchmal funktionieren die Dinge im Leben nicht“, erklärte Alonso, und McLaren-Teamchef Ron Dennis ergänzte: „Am Ende sind wir an einem Punkt angekommen, an dem keiner von uns einen Weg zum Weitermachen finden konnte.“

Beinahe zynisch wirkte es vor diesem Hintergrund, dass Alonso im letzten Kommuniqué des Rennstalls mit seiner Beteiligung noch einmal Worte von „einem großartigen Team“, von dem er „schon als Junge geträumt“ habe, und davon, dass „mir im Endeffekt immer eine gleiche Siegchance gegeben wurde“ in den Mund gelegt wurden – war doch in Wirklichkeit das genaue Gegenteil ein Hauptgrund für die Trennung. Zum Saisonfinale warf der 26-Jährige seinem Teamchef Dennis öffentlich vor, ihn systematisch zu benachteiligen und seinen Teamkollegen Lewis Hamilton zum Weltmeister machen zu wollen. Nach der Qualifikation zum vorletzten WM-Lauf trat der Spanier wütend eine Tür ein, weil er wegen mysteriöser Weise falsch aufgepumpter Reifen deutlich langsamer war als Hamilton. Als Ergebnis der erbitterten hausinternen Auseinandersetzungen schnappte der Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen McLaren den WM-Titel weg.

Wie es wirklich um Alonsos Gefühle steht, belegt folgendes Zitat: „Es ist kein Geheimnis, dass ich mich nie wirklich zuhause gefühlt habe.“ Nachdem der Asturier zu Saisonbeginn mit großen Erwartungen empfangen worden war und diese vor allem in der Entwicklungsarbeit am Auto auch bestätigte, verschlechterte sich sein Verhältnis zu Teamchef Dennis immer mehr. Unfair behandelt wähnte sich Alonso, weil der Formel-1-Neuling Lewis Hamilton nicht als klare Nummer zwei im Team installiert wurde und ihm im Saisonverlauf gar den Rang ablief. Alonso fühlte sich von der englischen Allianz Dennis-Hamilton zerdrückt, zog sich immer mehr zurück und suchte bisweilen sogar Zuflucht in der Zentrale seines früheren Teams Renault. Als einen „bemerkenswerter Einsiedler“ bezeichnete Dennis seinen sensiblen Star und beschrieb die Beziehung so: „Sie ist unterkühlt, und das ist noch untertrieben. Wir reden nicht miteinander.“

Die letzte verbürgte Unterredung datiert vom 5. August. Vor dem Rennen in Ungarn hatte Alonso Dennis mit der Drohung, pikante Details in der Spionage-Affäre zu veröffentlichen, wenn er nicht zur klaren Nummer eins im Team ernannt würde, quasi zur Selbstanzeige gedrängt. In deren Folge wurde McLaren-Mercedes zu einer Strafe von 100 Millionen Dollar und dem Verlust aller Konstrukteurspunkte verurteilt. Alonso hatte seinen kostenneutralen Abgang damit perfekt vorbereitet: Laut dem spanischen Rundfunksender RNE, der sich wiederum auf Alonsos Manager Luis Garcia-Abad berief, muss der Spanier für die von allem von ihm angestrebte vorzeitige Trennung keine Vertragsstrafe leisten. Im Falle einer gerichtlichen Auseinandersetzung hätte er sich darauf berufen können, dass der Skandal um die gestohlenen Daten des Konkurrenten Ferrari sein Image beschädigte.

In den angeblich dreitägigen Verhandlungen konnte Ron Dennis offenbar nicht einmal die Bedingung durchdrücken, dass Alonso 2008 nicht für ein Werksteam eines Autoherstellers fahren darf. „Er ist frei für alle Teams“, sagte Alonsos Manager. Damit ist ein Wechsel zu Toyota ebenso möglich wie eine Rückkehr zu Renault, wo der Spanier bereits einen Vorvertrag unterzeichnet haben soll. Renault-Pilot Heikki Kovalainen könnte dann den freien Platz bei McLaren einnehmen. Ebenfalls denkbar ist ein Tausch mit dem Williams-Fahrer Nico Rosberg, eine andere Option wäre Red Bull. Bei seinem Wunschteam Ferrari ist für Alonso nach der Vertragsverlängerung mit Felipe Massa dagegen kein Platz mehr. Dass er so oder so kaum in einem Auto landen wird, das ihm ermöglicht, den Titel zurück zu holen, weiß Alonso: „Was immer auch passiert, es wird eine schwierige Saison.“ Die Entscheidung soll in drei oder vier Wochen fallen. Bis dahin geht Fernando Alonso der Tätigkeit nach, die nach den Verwerfungen des vergangenen Jahres unvermeidlich ist: Er macht Urlaub.

0 Kommentare

Neuester Kommentar