Sport : Ein Ende am Anfang

Zum Auftakt der Tour wird Jan Ullrich von Lance Armstrong überholt – Zabriskie gewinnt das Zeitfahren

Hartmut Scherzer[Noirmoutier]

Um 19.05 Uhr rauschte Lance Armstrong an dem eine Minute vor ihm gestarteten Jan Ullrich vorbei. Die 92. Tour de France hatte schon am ersten Tag eine große symbolische Szene, der sechsmalige Sieger deklassierte und demütigte seinen ewigen Herausforderer viereinhalb Kilometer vor dem Ziel des Zeitfahrens auf der Insel Noirmoutier.

Ullrich versuchte, an Armstrong dranzubleiben, am Ende verlor er eine Minute und sechs Sekunden. Der US-Amerikaner wurde Zweiter hinter seinem Landsmann David Zabriskie vom Team CSC, der noch zwei Sekunden schneller als Armstrong war. Zabriskie, letztes Jahr noch Teamgefährte von Armstrong, feierte bei seiner ersten Tour gleich seinen ersten Sieg und trägt jetzt das Gelbe Trikot.

„Schön war es nicht, von Lance überholt zu werden“, sagte Jan Ullrich lakonisch. „Ich bin jetzt ein bisschen demoralisiert, aber ich werde weiter kämpfen. Ein totaler Einbruch war das nicht.“ Ullrich wurde Zwölfter, 15 Sekunden hinter seinem Co-Kapitän Alexander Winokurow. Mit dem dritten Platz unterstrich der Kasache seine glänzende Form.

Doch das Thema nach den ersten 19 Kilometern der Tour war nicht Winokurows gute Leistung, sondern Ullrichs bittere Niederlage. „Es war es kein Sieg, dass ich Jan eingeholt habe“, sagte Armstrong. „Nach einem solchen Unfall am Vortag ist es normal, dass er keine Superbeine haben konnte. So etwas kostet von vornherein dreißig Sekunden.“ Ullrich war am Freitag im Training auf ein scharf bremsendes Teamfahrzeug aufgefahren und in der Heckscheibe gelandet. Dabei hatte er sich Schnittverletzungen am Hals zugezogen.

Armstrong wusste die ungewohnte Schwäche seines Rivalen und deren Ursache richtig einzuschätzen. „Zudem war es für mich ein Riesenvorteil, Jan bereits bei der Zwischenzeitnahme zu sehen. Da sagte ich mir: Es läuft ja hervorragend.“

Vor dem Start hatte Ullrich mitgeteilt, dass er sich nicht beeinträchtigt fühle, obwohl die Behandlung an der Halsmuskulatur fortgesetzt werden müsse. Das Pflaster auf der linken Halsseite blieb die einzig sichtbare Folge des Unfalls. „Ich weiß nicht, ob es auch an dem Sturz lag. Ich habe ein bisschen Blut verloren.“

Nicht nur Ullrich enttäuschte beim Tourauftakt. Auch andere Fahrer, die sich Hoffnungen machen, Armstrong angreifen zu können, haben schon am ersten Tag viel Zeit verloren. Der Italiener Ivan Basso hielt den Rückstand auf Armstrong mit 1:24 Minuten noch in Grenzen. Roberto Heras aus Spanien verlor schon 2:18, sein Landsmann Iban Mayo gleich 3:13 Minuten.

Auch Ullrichs Teamkollege Andreas Klöden, der sich letztes Jahr im Schlusszeitfahren in Besancon als Dritter noch den zweiten Platz im Gesamtklassement sicherte, hatte einen fast peinlichen Einstieg. „Ich bin zu leicht für diesen flachen, windigen Kurs“, klagte der 30-jährige Cottbuser. „Dennoch: Fünfzigster mit zwei Minuten hinter dem Sieger ist schon eine große Enttäuschung.“

Die empfand auch Michael Rich als Fünfzehnter. Der Deutsche Meister im Zeitfahren war als einer der Favoriten gestartet. „Ich habe einen guten Rhythmus gefunden und bis zum Ende durchgezogen. Aber ich war halt zu langsam“, sagte Rich.

Bester Deutscher war Jens Voigt, der die tellerflache, windige Strecke vier Sekunden schneller als Ullrich hinter sich brachte und den achten Platz belegte. „Das ist ein Zeichen, dass meine Form für die nächsten drei Wochen gut sein muss“, sagte Voigt. So ein Zeichen hätte Jan Ullrich auch gerne gesetzt.

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