Sport : Ein Ende mit Schmerzen

Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann gibt ihre Comeback-Pläne auf und tritt endgültig zurück

Benedikt Voigt

Berlin - Am Mittwochabend haben die Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann und ihr Ehemann etwas getan, was sie schon länger nicht mehr gemacht hatten: Sie sind zusammen ins Kino gegangen. Es lief ein deutscher Film, über den Oliver Stirnemann sagt: „Schreiben Sie den Titel lieber nicht.“ Eigentlich war ihnen der Inhalt des Films auch egal. Vielmehr ging es darum, sich von einer traurigen Entscheidung abzulenken, die Gunda Niemann-Stirnemann ein paar Stunden zuvor nach dem letzten Training getroffen hatte: Sie wird ihre unglaublich erfolgreiche Karriere endgültig beenden.

Am nächsten Tag sitzt die 39-Jährige nach einer schlaflosen Nacht im Berliner Hotel „Kolumbus“ und macht ihre Entscheidung öffentlich. „Es geht nicht mehr“, sagt sie. Bis zuletzt hat sie nach einer 19-monatigen Wettkampfpause an einem zweiten Comeback gearbeitet. Doch unmittelbar vor den deutschen Meisterschaften, die heute in Berlin beginnen, muss sie wegen Rückenproblemen endgültig aufgeben. „Ich bin selber erschrocken, wie stark die Schmerzen sind“, sagt Gunda Niemann-Stirnemann.

Damit bleibt ihre beeindruckende Titelsammlung bei 98 Weltcupsiegen, 19 WM-Titeln und drei olympischen Goldmedaillen stehen. Sie lief 19 Weltrekorde. Ein Expertengremium hat sie zur „Eisschnellläuferin des Jahrhunderts“ gekürt. Gerd Heinze, der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), würdigte sie mit ersten Abschiedsworten: „Sie ist ein Vorbild und ein Geschenk für den deutschen Sport.“

Allerdings hatte sie ihre größten Erfolge vor jener Babypause gefeiert, die sie vor den Olympischen Spielen 2002 eingelegt hat. Trotzdem bereut sie ihr erstes Comeback nicht. „Das war klasse“, sagt sie. Ihr letztes Rennen bestritt sie am 14. März 2004 bei der Einzelstrecken-WM in Seoul, wo sie über 5000 Meter Vierte wurde. Gunda Niemann-Stirnemann legt Wert darauf, bis zuletzt mit voller Kraft daran gearbeitet zu haben, noch einmal für die Olympischen Spiele 2006 in die Weltspitze zurückzukehren. Es wären ihre fünften Spiele gewesen. „Ich habe alles investiert, um für Turin fit zu werden“, berichtet sie. Doch das intensive Starttraining hatte sie sich bis zuletzt aufgehoben, sie wusste: „Das könnte meine Schwachstelle sein.“ Prompt traten die Rückenschmerzen erneut auf, die sie bereits gezwungen hatten, die komplette vergangene Saison auszusetzen. Und die nun ihre Laufbahn beenden.

Gunda Niemann-Stirnemann geht in der Hotellobby in die Knie und beugt den Oberkörper nach vorne, um die Startposition im Eisschnelllaufen anzudeuten. „Beim ersten Schritt kommt der Schmerz“, erklärt sie. Auf den restlichen 4995 Metern würde es sehr gut gehen, ergänzt ihr Ehemann, aber auf den ersten fünf Metern wäre die Belastung am größten. Und diese seien im Eisschnelllaufen auch entscheidend. „Die Konkurrenz liegt so eng zusammen, dass wir uns auf keinem Meter leisten können, Zeit zu verschenken“, sagt Oliver Stirnemann. Er sagt immer „wir“, wenn er über seine Ehefrau redet.

Bis gestern hat das Eisschnelllaufen das Leben in der Familie Stirnemann bestimmt. Nun will Gunda Niemann-Stirnemann an der Sporthochschule in Köln eine Trainerausbildung beginnen, um am Olympiastützpunkt in Erfurt als Eisschnelllauftrainerin zu arbeiten. Die Stelle wurde extra für sie geschaffen. „Ich möchte Nachwuchsathleten helfen, in den Spitzenbereich zu kommen“, sagt die Eisschnellläuferin. Ihr Mann, der zuletzt auch ihr Physiotherapeut war, wird im nächsten Jahr eine eigene Praxis aufmachen. Außerdem werden beide beim ZDF weiter als Eisschnelllauf-Experten arbeiten. In dieser Rolle wird die Familie Stirnemann die Olympischen Spiele in Turin doch noch erleben. „Auf diese Aufgaben freue ich mich bereits“, sagt Gunda Niemann-Stirnemann.

Die sonst sehr emotionale Läuferin wirkte bei ihrem Rücktritt gefasst. „Wir standen bis Mittwochabend noch unter Strom“, sagt Oliver Stirnemann. Er erinnert sich an den Gewinn von Olympiagold in Nagano 1998, als sie nach dem ersten Trubel erst abends auf dem Zimmer ihre Emotionen zeigen konnte. So ähnlich, glaubt Oliver Stirnemann, könnte es auch diesmal laufen. Er sagt: „Die Tränen kommen noch.“

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