Sport : Ein Ergometer-Weltrekordler sitzt auf dem Trockenen

Karsten Brodowski ist der stärkste Ruderer in Deutschland – für einen Platz in der Nationalmannschaft reicht das aber derzeit nicht

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Berlin - Das macht man einfach nicht, man dreht im Boot nicht den Kopf, das stört den Rhythmus. Aber Karsten Brodowski konnte nicht anders, er musste in Mahe Drysdales Gesicht starren. Sie waren schon 1300 Meter gerudert, und er lag immer noch neben dem Boot des Neuseeländers, des viermaligen Einer-Weltmeisters. „Ein geiles Gefühl“, sagt Brodowski. Er sitzt jetzt in einem nüchternen Raum des Bundesstützpunkts Berlin, die Haare noch nass vom Duschen; er kommt gerade vom Training, aber er schwärmt immer noch von diesem Moment am letzten Wochenende.

Er gab ihm das Gefühl, dass er mit den ganz Großen mithalten kann, dieser Moment. Er betäubte das Gefühl, dass er, Karsten Brodowski vom Ruderclub am Wannsee, den Anschluss verpasst hat, dass er nicht mal mehr im Nationalkader ist, dass er nur in Hamburg fahren durfte, damit er nicht völlig demotiviert ist. Am Ende wurde der 26-Jährige in seinem Vorlauf Zweiter, knapp hinter Drysdale. Natürlich hatte der Neuseeländer nicht alles gegeben, das weiß Brodowski auch, „aber mir hat Hamburg sehr viel gebracht“.

Karsten Brodowski, das ist die Geschichte, wie der stärkste deutsche Ruderer um den Anschluss kämpft. Beim Trockenrudern, am Ergometer, da schlägt Brodowski jeden. Seine Bestzeit über 2000 Meter liegt bei 5:40 Minuten – Weltrekord. Und im vergangenen Winter benötigte er für 6000 Meter 18:12 Minuten, der nächste Weltrekord.

Aber im Boot zählt das nur bedingt. „Im Boot“, sagt Dieter Altenburg, der langjährige Bundestrainer, „kommt’s auch auf die Technik an.“ Brodowski aber „hat Probleme mit der Harmonie von Oberkörper und Beinen“.

Dafür gibt es doch Training, eigentlich ein einfacher Gedanke. Aber um diesen Punkt kreist das ganze Problem des Maschinenbau-Studenten Brodowski. Er trainiert ja, so viel wie nie zuvor sogar. 7000 Kilometer im vergangenen Jahr auf dem Wasser, dazu Fahrradfahren und Krafttraining. „Seit 1. Januar 2010 konzentriere ich mich ganz auf den Sport.“

Und das Resultat: 2010 bei der entscheidenden Einer-Qualifikation gescheitert, 2011, gesundheitlich angeschlagen, in der Qualifikation nur auf Rang 14. Aber nur die besten Einer-Fahrer dürfen in die Mannschaftsboote.

Und jetzt, sagt Brodowski, „brennt mir die Birne. Wie löse ich das Problem?“ Das Problem ist, dass er unsauber rudert, wenn die Belastung zunimmt. Je länger ein Rennen dauert, desto größer werden die Schmerzen. Wenn die Kraft nicht mehr reicht, sich auf die Technik zu konzertieren, müssen die Bewegungen automatisiert ablaufen, wie computerprogrammiert. Sonst verliert das Boot den Rhythmus. Doch ab 1300 Meter rudert Brodowski unsauber. Wobei das schon eine Erfolgsmeldung ist. „2010 habe ich ab 500 Meter die Linie verloren.“

Nach der zweiten Qualifikationspleite war er kurz davor alles hinzuschmeißen. Am Ende entschied er: Ich quäle mich weiter. Weil er doch unbedingt zu den Olympischen Spielen 2012 will. Auch Altenburg sagt: „Wir dürfen ihn nicht verlieren.“ Brodowski ist ja schon zweimal WM-Dritter geworden, 2007 und 2009, jeweils im Doppelvierer. Er hat Potenzial, zumindest im Teamboot. „Karsten hat nie sauber gerudert“, sagt Altenburg, „aber früher glich er es mit Physis aus.“ Mit seiner urwüchsigen Kraft hatte Brodowski, 2,05 Meter groß, 110 Kilogramm schwer im Einer einen U-23-Weltrekord aufgestellt (6:47,7 Minuten). Und im Vierer glich das Team seine Schwächen aus. „Da musste ich auf den ersten 1000 Metern eigentlich nichts machen“, sagt Brodowski. „Ich konnte mich auf die zweiten 1000 Meter konzentrieren.“ Nur gibt es jetzt mehrere junge Ruderer, „die auch stark sind, aber technisch besser rudern“ (Altenburg). Und die sitzen nun im Doppelzweier und Doppelvierer.

Es gab Zeiten, da war Brodowski sehr von sich überzeugt. Jetzt sagt er: „Ich nehme die Außenseiterrolle an.“ Die Besatzungen sind noch nicht zementiert, das hofft er jedenfalls. „Ich arbeite auf den Tag X hin.“ Der Tag, an dem er wieder in ein Mannschaftsboot darf.

Das kann dauern. In Hamburg ruderte Brodowski im Finale, der starke Wind drückte das Boot zur Seite, er fand keinen Rhythmus. Er wurde Letzter. „Das Finale“, sagt Altenburg, „das war eine mittlere Katastrophe.“

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