Sport : Ein Fähnrich aus der Provinz Telemark

Elke Wittich

Die aufgeregten Mädchen, die ihren Idolen Sven Hannawald und Martin Schmidt derzeit die Ohren vollkreischen, können es sich vielleicht nicht vorstellen. Der erste Skispringer sprach definitiv kein Deutsch und taugte auch sonst nur wenig als Mädchenschwarm. Das Phänomen war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch unbekannt. Schon damals gab es in der norwegischen Provinz Telemark so genannte Ski-Soldaten, die um Hindernisse nicht etwa herumliefen, sondern einfach darüber hinwegsprangen. Diese Soldaten prägen das Skispringen bis in die Gegenwart. Die technisch perfekte Landung, bei der ein Bein leicht nach vorn geschoben und der Druck federnd mit den Knien aufgefangen wird, trägt den Namen Telemark.

Der erste dokumentierte Sprung gelang einem Leutnant des Infanterieregiments Telemark. Olaf Rye ist in seiner Heimat auch nach fast 200 Jahren so etwas ein Nationalheld, doch das hat anders als bei Sven Hannawald weniger mit seinen weiten Sprüngen zu tun. 1808 vermerkte Rye in seinem Tagebuch, er habe mit dem Hüpfer von einem künstlich aufgeschichteten Schneehügel 17 Alen geschafft. Das entspricht einer Weite von ungefähr 10,63 Meter.

Mit Blücher gegen Napoleon

Schon als Zwölfjähriger hatte Rye seine Militärlaufbahn als Kadett der Norwegischen Militärakademie begonnen. 1808 war er zum Zweiten Leutnant des Infanterieregiments Telemark befördert worden. Besonders anstrengend scheint der Dienst nicht gewesen zu sein. Rye beschäftigte sich hauptsächlich mit Landschaftsmalereien - und dem Skispringen. Als Norwegen dann aber 1814 aus dänischem in schwedischen Besitz überging, war es mit der Ruhe vorbei. Rye weigerte sich, auf den schwedischen König einen Eid zu leisten und verließ Skandinavien. Der Skispringer wurde Preuße und kämpfte 1815 unter Feldmarschall Blücher bei Waterloo gegen Napoleon.

Nach dem Friedensschluss zog es Rye 1819 zurück in dänische Dienste. 26 Jahre verbracht er beim Regiment des Herzogs von Holstein und Oldenburg. Der Dienst in Rendsburg muss Rye sehr gelangweilt haben. 1842, er hatte gerade zum dritten Mal geheiratet, reichte er seinen Abschied ein, um in Russland eine neue Karriere zu beginnen. Als ihm dies verweigert wurde, meldete er sich krank und reiste einfach ab. Doch Rye wurde bei der Flucht erwischt. Der Deserteur hatte Glück. Er wurde lediglich zu 30 Tagen Arrest verurteilt.

Als 1848 der dänisch-holsteinische Krieg ausbrach, wollte Rye Soldaten zunächst nicht gegen ehemalige Kameraden kämpfen, die sich den holsteinischen Aufrührern angeschlossen hatten. Am Ende aber rückte er doch mit dem 1. Dänischen Infanteriebataillon in Schleswig ein. "Die Kugel, die mich trifft, muss erst noch gegossen werden", hatte Rye immer wieder gesagt. Ein Jahr nach dem Einmarsch scheint sie dann doch produziert worden zu sein: Am 6. Juli 1849 wurde der Ski springende Soldat erschossen. Viele Dänen wollten nicht wahrhaben, dass ihr Held einfach so sterben konnte, deshalb machten Gerüchte die Runde, dass Rye von einem Verräter umgebracht worden sei. Der "General mit dem guten Herzen", wie er von seinen Leuten genannt wurde, war bei der Schlacht vor Fredericia jedoch wirklich von einer feindlichen Kugel getroffen wurde.

Ob es Rye vor seinem Tod noch einmal gelungen ist, seinen alten Skisprung-Rekord zu brechen, ist nirgendwo vermerkt. Erst 1860 erreichte ein unbekannter Sportler die dokumentierte sensationelle Weite von 30,5 Metern. Natürlich nicht von einer richtigen Schanze aus, die erste wurde erst 1879 am Osloer Holmenkollen errichtet.

In seiner Heimat ist der erste Skispringer aller Zeiten noch heute allgegenwärtig. Sein Grab in Fredericia wird regelmäßig mit frischen Blumen geschmückt, in Kopenhagen erinnert ein Denkmal an ihn, zudem ist die Unterkunft einer dänischen Kfor-Einheit im Kosovo nach Olaf Rye benannt. Sein damaliger Skisprung sei schließlich, da sind sich die Schweden und Norweger sicher, der weiteste, der einem Dänen je gelungen ist.

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