Sport : Ein Fall für die Couch

Bayern München fehlt beim 1:1 in Frankfurt das, was Oliver Kahn immer lauter einfordert: mentale Stärke

Hartmut Scherzer

Frankfurt (Main). Das vollmundige Versprechen von Uli Hoeneß für die Rückrunde wurde den Zuschauern des „Aktuellen Sportstudios“ zur Einstimmung in Erinnerung gebracht. „Wir sind sehr gut vorbereitet. Die Bundesliga kann sich auf einen sehr starken FC Bayern freuen – und Real Madrid sowieso“, hatte der Manager eine Woche zuvor schwadroniert. Dem Anspruch folgte der Widerspruch. Denn zunächst einmal freuten sich Eintracht Frankfurt und ihr hessischer Anhang nicht über einen sehr starken, sondern über einen sehr nachlässigen FC Bayern.

So hatte sich das Sprachrohr der Säbener Straße den Auftakt jedenfalls nicht vorgestellt. Zidane, Ronaldo, Beckham, Figo und Co. hätten in der Tat ihre Schadenfreude gehabt und sich kaputtgelacht über diesen FC Bayern, der in der Frankfurter Großbaustelle Waldstadion vor 37 500 Zuschauern über ein klägliches 1:1 gegen einen 45 Minuten lang völlig verängstigten und verunsicherten Tabellenletzten nicht hinauskam.

Nun sind es sechs Punkte, die der deutsche Rekordmeister zur erfolgreichen Titelverteidigung gegenüber Werder Bremen aufholen muss. Trotz des „verfehlten Ziels“, drei Punkte mitzunehmen, beharrte Trainer Ottmar Hitzfeld trotzig: „Die Meisterschaft ist noch lange nicht entschieden.“ Aus jahrzehntelanger Erfahrung weiß auch Oliver Kahn, dass noch „viele Dinge passieren können. Aber uns wird nichts geschenkt“, sagte der Bayern-Kapitän. „Wir müssen beißen.“ Biss hatte seine Mannschaft am Main vermissen lassen. Dabei hatte das Münchner Team einen Blitzstart hingelegt und nach 39 Sekunden durch Roy Makaay 1:0 geführt. Die eingeschüchterten Frankfurter wurden von den dominierenden Bayern vorgeführt – aber verschont.

Die aufreizende Lässigkeit des Rekordmeisters eskalierte zu sträflicher Nachlässigkeit. „Wir mussten das 2:0 machen. Dann wäre Ruhe gewesen“, sagte Michael Ballack, der aus seiner jetzt offensiveren Mittelfeldposition die Vorlage zum Führungstor gegeben hatte. Ottmar Hitzfeld kritisierte mit sichtlichem Ärger die „fehlende Konsequenz, nachzulegen“, vermisste „zehn bis zwanzig Prozent an Aggressivität“ und sprach von „Freundschaftsspiel-Charakter“. Solcher Leichtsinn werde bestraft.

Die Strafe folgte Sekunden vor dem Halbzeitpfiff: Foulelfmeter, den Hoeneß im ersten Zorn als den „lächerlichsten, den ich je erlebt habe“ bezeichnete. Da hatte der Manager offenbar noch nicht die Fernsehbilder von Lizarazus Kung-Fu-Tritt gegen Chris gesehen. Die erste Frankfurter Torchance führte nicht nur zum Ausgleich, sondern auch zu einer psychologischen und damit höchst erstaunlichen Wende. Die vorher Mutlosen wurden mutig, die Überheblichen ließen „mentale Stärke“ (Oliver Kahn) vermissen.

Ervin Skela trat zur Mutprobe an, obwohl er zum Abschluss der Hinrunde in letzter Minute einen Elfmeter zum möglichen 3:3 gegen den Hamburger SV vergeben hatte. Der Albaner schoss „zum richtigen Zeitpunkt“ den Ausgleich, wie Willi Reimann die Wirkung richtig einschätzen sollte. Während der Frankfurter Trainer in der Pause seine Spieler aufbauen konnte und ihnen mitgeteilt hatte: „Dieses Spiel verlieren wir nicht mehr“, musste Oliver Kahn ein paar Meter weiter feststellen: „Da hatten wir wieder ein bisschen Probleme, das wegzustecken.“ Das Tor habe die Mannschaft aus dem Rhythmus gebracht.

Abends im ZDF-Sportstudio brachte Kahn das „Stichwort mentale Stärke“ ins Gespräch mit Moderator Michael Steinbrecher. Die Bayern hätten sich sagen müssen: „Okay, die haben jetzt zwar das Tor gemacht, aber wir sind stark genug, auch in der zweiten Halbzeit Gas zu geben. Wir haben aber nicht mehr so überzeugend gespielt wie vor der Pause. Also hat uns dieses 1:1 doch wieder beeindruckt. Das darf nicht passieren.“ Nun hatte der Torwart in der Winterpause Gedanken über die Verpflichtung eines „Mental-Coaches“ geäußert und fand sich durch den Frankfurter Pausenschock offenbar bestätigt: „Es gehört zur Professionalität eines Sportlers, sich auch über diese Bereiche Gedanken zu machen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar