Sport : Ein fast fataler Schachzug

Viktor Bologan hätte beinahe den Turniersieg in Dortmund verspielt

Martin Breutigam

Dortmund. Der am besten klimatisierte Ort im Dortmunder Schauspielhaus war der Presseraum. Großmeister Vlastimil Hort verfolgte die Partien der 31. Schachtage lieber von dort, anstatt sich in die Zuschauerreihen zu drängeln. Hort, früher selbst ein Weltklassespieler, erkannte jedoch erst auf den zweiten Blick, dass sich in der Partie zwischen Viktor Bologan und Teimour Radjabow bereits nach anderthalb Stunden Spielzeit eine Vorentscheidung anbahnte: Bologan stand vor einem historischen Turniersieg.

Bologan hatte soeben seinen Springer wie ein Trojanisches Pferd in die gegnerischen Reihen gestellt. Der Springer durfte zwar geschlagen werden, aber in diesem Fall hätte Bologan per Läuferopfer Radjabows König bedroht (siehe Analyse). „Das ist ja fantastisch“, sagte Beobachter Hort. Der Altmeister kam ins Schwärmen: „Allein für den Zug Springer g6 hat es sich gelohnt, hierher zu kommen.“ Wahrscheinlich werde Radjabow gleich aufgeben, vermutete Hort. Doch da lag er falsch. Dicht vor dem Ziel zeigte Bologan Nerven: Im 24. Zug stellte der 31-jährige Moldawier schablonenhaft seinen Turm nach f1. Tatsächlich hatte er mit dieser fatalen Unachtsamkeit seinen Vorteil aus der Hand gegeben. Die Partie endete nach weiteren drei Stunden remis. Statt einer vorzeitigen Siegesfeier musste Bologan am Sonntag die Gewinnversuche des Weltmeisters Wladimir Kramnik über sich ergehen lassen. Diese wehrte er aber souverän ab und erreichte nach 36 Zügen das notwendige Remis. Damit sicherte sich Bologan mit 6,5 Punkten klar den Turniersieg, vor Kramnik und Anand (jeweils 5,5)

Trotz der kleinen Schwäche bewies Bologan in Dortmund, dass er den Besten Paroli bieten kann. Mit dieser Gewissheit wird er auf die Schwarzmeerhalbinsel Krim zurückkehren. Von seinem Haus zum Austragungsort der kommenden Weltmeisterschaft hat es Bologan übrigens nicht weit: In Jalta spielen ab dem 19. September der Russe Garry Kasparow und der Ukrainer Ruslan Ponomarjow um den Titel des Weltschachbundes Fide. Dieses Duell hätte längst stattfinden sollen. Gleiches gilt für das Finale um den Titel des „Einstein-Weltmeisters“ zwischen Kramnik und Peter Leko (Ungarn). Allerdings gibt es keinen Mäzen für den WM-Kampf, der bisherige Titelsponsor Einstein – ein britisches Multimediaunternehmen – stellte nicht genug Geld zu Verfügung.

Am Samstag hatten Kramnik und Leko schon einmal in Dortmund miteinander zu tun: Die Partie endete nach 21 Zügen remis. Ob man bald mehr von den beiden sieht, ist ungewiss. Kramnik hatte Kasparow im Jahr 2000 besiegt, Leko wurde vor einem Jahr sein Herausforderer. Der 27-Jährige Moskauer Kramnik spielte in Dortmund nicht so überzeugend wie in den Vorjahren, aber er war noch immer besser in Form als Leko. „Ich sage zum WM-Finale nichts mehr, das regelt alles mein Manager Carsten Hensel“, sagte Leko. Hensel, der zugleich Kramniks Manager ist, will „bis spätestens Ende August“ einen neuen Sponsor für den WM-Kampf präsentieren.

Bologan – Radjabow: 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 e5 4.Lc4 Le7 5.d3 d6 6.0–0 Sf6 7.Sg5 0–0 8.f4 Lg4 9.De1 exf4 10.Lxf4 Sd4 11.Dd2 Dd7 12.Le3! h6 13.Sf3 Sxf3+ 14.gxf3 Le6 15..Kh1 Kh7 16.Lxe6 fxe6 17.Dg2 Tf7 18.Tg1 Taf8 19.Se2! d5? 20.Sf4 g5 21.Sg6!! (Diese List hat Radjabow zu spät erkannt. Falls 21...Kxg6 würde er nach dem zweiten Figurenopfer 22.Lxg5! bald matt gesetzt, z.B. 22...hxg5 23.Dxg5+ Kh7 24.Dh4+ oder 22...Kh7 23.Lxf6 Lxf6 24.Dg6+ Kh8 25.Dxh6+ Th7 26.Dxf8.) 21...Sh5 22.Sxf8+ Txf8 23.Dh3 Kg6 24..Taf1? (Danach gelingt es Schwarz, auf f4 eine Blockade aufzubauen und trotz materiellen Nachteils die Balance zu halten. Dies wäre nach 24.Tae1! d4 25.Ld2 nicht möglich gewesen, z.B. 25...Sf4 26.Lxf4 Txf4 27.Tg4 Tf8 28.Teg1 – plant 29.f4 – 28...Ld6 29.Th4 Th8 30.f4.) 24...d4 25.Ld2 Ld6 26.Tg4 Lf4 27.Lxf4 Sxf4 28.Dg3 e5 29.h4 De6 30.b3 (Falls 30.hxg5, folgt stets ....h5!) 30...b5 31.a3 Th8 32.Dh2 Tf8 33.Dg3 Th8 34.Txf4 exf4 35.Dh2 c4 36.Tg1 Tc8 37.bxc4. Remis.

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