Sport : Ein Favorit wird zum Außenseiter

Dänemark muss trotz eines Kantersiegs gegen Angola bangen

Erik Eggers[Kiel]

Sie waren in Massen nach Kiel geströmt, mit Bussen aus Kolding, Aarhus und Kopenhagen, und sie hatten das ganze Spiel über gesungen und gefeiert. Doch am Ende stand den rund 6000 Handballfans aus Dänemark, die fast alle in Rot und Weiß gekleidet waren, nur noch das pure Entsetzen in den Gesichtern. Die wenigsten begriffen dieses unglaubliche Drama zum Auftakt der Vorrundengruppe E, das sich am Samstagabend vor ihren Augen abgespielt hatte: Ihre Mannschaft hatte den klaren 28:24-Vorsprung, den sie sich bis zur 55. Minute erspielt hatte, tatsächlich noch aus der Hand gegeben und mit 29:30 (11:13) Toren gegen die kampfstarken Ungarn verloren. Dem Geheimfavoriten droht damit das frühe Aus – daran ändert auch der 39:20(18:12)-Erfolg im zweiten Vorrundenspiel gegen Angola am Sonntag nichts. Zwar brachte der Kantersieg ein wenig Hoffnung in die Gesichter der dänischen Fans zurück, doch der Schreck vom Vortag war noch nicht gewichen.

„Wir werden nicht nervös“, sagte Dänemarks Coach Ulrik Wilbek demonstrativ, „wir können immer noch weiterkommen, wenn wir am Montag das Spiel gegen Norwegen gewinnen.“ Diese Worte klangen nicht nach Depression. Aber die Gesichter der konsternierten dänischen Spieler sprachen eine andere Sprache.

Zu sehr hatte sie die unverhoffte Wendung mitgenommen. Vor allem Lars Christiansen, den Weltklasse-Linksaußen bei der SG Flensburg-Handewitt, der in den letzten Minuten unfreiwillig die Rolle der tragischen Figur übernommen hatte. Zunächst scheiterte er mit einem Wurf aus spitzem Winkel am starken 33 Jahre alten ungarischen Torhüter Nenad Puljezevic vom Klub Pick Szeged. Als die Ungarn bereits führten, setzte der dänische Rekordnationalspieler einen kunstvollen Dreher, den er sonst nahezu perfekt beherrscht, nur an den Pfosten – zuvor hatte er bei allen seiner zehn Versuche getroffen.

Lars Christiansen hatte noch Glück, als ihm das ansonsten glänzende deutsche Schiedsrichterduo Bernd Lemme und Frank Ullrich (beide Magdeburg) in dieser Situation einen Strafwurf schenkte – woraufhin Christiansen, der bis dato alle Siebenmeter souverän verwandelt hatte, sich nicht wohlfühlte und den Ball Joachim Boldsen überließ. Der scheiterte an Puljezevic, der im letzten Moment aus dem Tor stürzte und damit den Schützen überraschte. Als dann die Ungarn bei offener Manndeckung den Ball leichtfertig verloren, stand Christiansen bei dem folgenden Tempogegenstoß erneut frei vor dem Tor – und erneut rang ihm der aus Serbien stammende Keeper, der erst in der letzten Woche in Ungarn eingebürgert worden war, diesen entscheidenden Ball ab. Als die Sirene ertönte, wurde Puljezevic gefeiert – und der am Boden zerstörte Christiansen musste von seinen Teamkollegen getröstet werden. „Das ist unerklärlich“, sagte Christiansen hinterher, sein Kollege Michael Knudsen sprach von einer „Katastrophe“. Knudsen sagte: „Das darf uns einfach nicht passieren.“

An sich aber muss die Pleite der Dänen nicht überraschen. Zuletzt hatten die Dänen bei großen Turnieren in den entscheidenden Minuten häufig Probleme. Unter anderem sind die Dänen, die als technisch perfekt ausgebildet gelten, im EM-Halbfinale 2004 an den schwächer eingestuften Deutschen gescheitert, in der WM-Hauptrunde 2005 wurden sie von den Tunesiern vorgeführt. Insofern kämpfen die leidgeprüften Skandinavier am heutigen Montag im Spiel gegen Norwegen nicht nur um das sportliche Überleben, sondern auch gegen ihr Image, wichtige Spiele nicht gewinnen zu können.

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