Sport : Ein filmreifes Übungsstündchen in Babelsberg

SVEN GOLDMANN

Hacke-Spitze-eins-zwei-drei, oder was der deutsche Trainer von seinem portugiesischen Kollegen hätte lernen könnenVON SVEN GOLDMANN POTSDAM.Wer ist Berti Vogts? Vielleicht der Dicke hinten links mit der Brille? Oder der Blonde ganz oben auf der Tribüne, der sich gerade die dritte Zigaret ...nein, der Bundestrainer raucht nicht.Wir brechen also die Suche nach einem mit Schlapphut oder falschem Bart getarnten Vogts ab und gehen mal davon aus, daß dieser die letzte Chance verpaßt hat, seinen heutigen Gegner persönlich in Augenschein zu nehmen.Artur Jorge ist ein vorsichtiger Mensch mit deutlich ausgeprägter Neigung zur Konspiration.Ein einziges öffentliches Training hat der portugiesische Trainer vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland angesetzt, ansonsten läßt er hinter verschlossenen Toren üben.Dafür dürfen heute abend 76 000 Zuschauer dabeisein. Was hat der Bundestrainer nun verpaßt an diesem sonnigen Spätnachmittag im Karl-Liebknecht-Stadion zu Babelsberg? Schwer zu sagen.Da ihm das im äußersten Westen der iberischen Halbinsel gesprochene Idiom fremd ist, hätte Vogts die von Zeit zu Zeit über den Platz gebrüllten taktischen Anweisungen seines Kollegen nur bedingt verstanden.Und sonst? 16 Portugiesen traben gemächlich über den Platz, für das auf Disziplin konditionierte deutsche Auge sträflich unorganisiert.Ab und zu bläst der Trainer in seine Trillerpfeife: Lockerungsübungen.Die laufen nach einem klar definierten Schema ab: Wer gerade Lust hat, der macht welche, wer keine Lust hat, beschäftigt sich sonst irgendwie. Joao Pinto, neben dem Dortmunder Paulo Sousa der Prominenteste im Team, vertreibt sich die Zeit am liebsten damit, seine langen Haare aus dem Gesicht zu pusten.Ansonsten steht der Torjäger in Diensten von Benfica Lissabon an der Mittellinie herum und schaut seinen Kollegen bei einem Trainingskick Stammspieler gegen Reserve zu.In Aktion tritt er nur, wenn ein Abwehrspieler den Ball erobert und nach vorne kickt.Mit zwei, drei flinken Schritten ist Joao Pinto zur Stelle und umspielt seinen Gegenspieler, den mangels Personals ein Schlaks aus dem Betreuerstab mimt.Das Ganze soll Konterspiel symbolisieren, wie der Herr Jorge später durchblicken läßt bei der einzigen Frage, die zu beantworten er gewillt ist: "Natürlich werden wir uns erst einmal hinten reinstellen.Wohin das führt, wenn wir munter nach vorne stürmen, hat doch jeder bei der Europameisterschaft in England gesehen." Damals sind die portugiesischen Fußballkünstler von allen Seiten für ihr schönes Spiel gelobt worden, was sie indes nicht vor dem Ausscheiden im Viertelfinale gegen die bodenständigen Tschechen bewahrte.Damals wie heute vertrauen die Portugiesen auf den einst hochgelobten Jahrgang um Rui Costa, Figo und Joao Pinto.Vor sechs Jahren haben sie Portugal zur Junioren-Weltmeisterschaft geführt.Heute spielen sie im Berliner Olympiastadion um alles oder nichts. Doch davon ist beim Training wenig bis gar nichts zu spüren.Mit dem rechten Ernst scheint keiner bei der Sache.Wer weiß, vielleicht sitzt ja doch ein Spion auf der Tribüne.Hacke-Spitze-eins-zwei-drei.Wer während des filmreifen Übungsstündchens in Babelsberg neben das Tor schießt, wird von seinen Teamkollegen lautstark gefeiert.Je weiter, desto besser.Torhüter Rui Correira versucht sich mit gesteigertem Interesse an einem Abschlag mit zwei Bällen gleichzeitig - eine Situation, die im gewöhnlichen Spiel eher selten vorkommt. Gespielte Heiterkeit? "Nein", sagt Paulo Sousa."Wir wissen, worum es geht.Aber wir brauchen einfach ein gewisses Maß an Lockerheit, sonst ..." Der Rest geht unter im Ellenbogenstoß eines autogrammjagenden Dreikäsehochs, dem der Mann von Borussia Dortmund noch fehlt in seinem bunten Album.Nun hat das Bürschchen nicht nur ein oder zwei Bilder, sondern gut 30 dabei, die doch bitte alle unterzeichnet werden sollen, am besten noch mit Widmung.Nach einer Viertelstunde streift Paulo Sousa endlich die Trainingsjacke über, auf der die Portugiesen übrigens für eine auch bei deutschen Algarve-Touristen geschätzte Biermarke werben.Gut, daß Berti Vogts nicht da war.Von wegen "Keine Macht den Drogen" und so.

0 Kommentare

Neuester Kommentar