Sport : Ein fleißiger Verlierer

Tennisprofi Rainer Schüttler scheitert zum dritten Mal in Folge in Runde eins – jetzt auch noch in Melbourne

Benedikt Voigt

Berlin/Melbourne . In der Nacht zum Montag hat der Fernsehsender „Eurosport“ zur Einstimmung auf die Australian Open noch einmal die Bilder des vergangenen Jahres gezeigt: Rainer Schüttler liegt auf dem Rücken und reckt jubelnd den Tennisschläger in die Höhe, Rainer Schüttler nimmt die Gratulation von Andy Roddick entgegen, Rainer Schüttler plauscht nach dem Finale mit Andre Agassi am Netz. Vom aktuellen Grand-Slam-Turnier jedoch wird der Sender nicht viele Bilder wiederholen. Weil es keine weiteren von Schüttler geben wird.

Schon in der ersten Runde verabschiedete sich Rainer Schüttler von jener Stelle, an der ihm vor Jahresfrist der Durchbruch in die Weltspitze gelang. 6:4, 6:4, 5:7, 3:6, 4:6 unterlag der an Nummer sechs gesetzte Deutsche in der Rod-Laver-Arena dem 19-jährigen Schweden Robin Söderling. „Das ist schon extrem bitter“, sagte Schüttler, „schlimmer kann es nicht mehr werden.“ Es ist bereits seine dritte Erstrundenniederlage in Folge, auch in Doha und Sydney scheiterte Schüttler im ersten Match des Turniers. Der unermüdliche Tennisarbeiter, der sich im vergangenen Jahr von Rang 33 auf den sechsten Platz der Weltrangliste vorgerackert hatte, wartet in diesem Jahr noch immer auf den ersten Sieg. Schüttler sagt: „Dieser Monat ist mit Sicherheit ein Albtraum.“

Dabei sah es zunächst so aus, als könnte Schüttler gegen den Teenager aus Schweden an die Erfolge des vergangenen Jahres anknüpfen. Mit 2:0 Sätzen führte der 27-Jährige bereits auf jenem Platz, auf dem er vor einem Jahr das Finale bestritten hatte. Im ersten Satz wehrte er beim Stand von 0:3 zwei Breakbälle ab und drehte den Satz zu seinen Gunsten. Im dritten Satz schlug er allerdings einen schlechten Passierball. Dieser hätte ihm das Break zum 6:5 ermöglicht. „Wenn ich meine Chance nutze, bin ich anderthalb Stunden eher mit 3:0 Sätzen in der Kabine“, sagte Schüttler.

Fortan fehlte ihm die psychische Stärke, um eine Niederlage zu vermeiden. Zwar trat er wieder in einem jener roten Hemden an, die ihm im vergangenen Jahr so oft Glück beschert hatten. Doch Aberglaube nutzte gegen den immer sicherer auftretenden Robin Söderling wenig. Der Aufschlagverlust beim Stande von 2:1 im vierten Satz lähmte Schüttler endgültig. „Ich habe danach versucht, zu fighten und mein Bestes zu geben, aber er hat mehr riskiert und am Ende immer weniger Fehler gemacht.“

Rainer Schüttler befindet sich in einer Formkrise, die für das deutsche Tennis schlimme Folgen hat. Für den Deutschen Tennis Bund sind die Australian Open beendet, bevor sie so richtig begonnen haben. Von neun gestarteten Spielern mit deutschem Pass stehen nur noch fünf im Feld. Auch Tomas Behrend, Lars Burgsmüller und Angelika Bachmann flogen raus. Die deutsche Bilanz des ersten Wettkampftages ist ernüchternd: vier Versuche, vier Niederlagen. Einzig Rainer Schüttler durfte sich Hoffnungen machen, im Feld der 128 Teilnehmer weit zu kommen. Es musste ja nicht gleich wie im vergangenen Jahr das Endspiel sein, das er gegen Agassi in drei Sätzen verloren hatte. „Ich hoffe auf eine schöne Woche in Melbourne, und möglichst noch auf eine schöne zweite Woche“, hat Schüttler gesagt. Danach betrat er den Platz.

Wo aber ist seine Form verloren gegangen? Das vergangene Jahr hat Schüttler im November mit dem Halbfinaleinzug beim Masters in Houston gekrönt, wo er erneut gegen Andre Agassi verlor. Danach nahm er sich den überfälligen Urlaub. Schüttler war 2003 der fleißigste Spieler der ATP-Weltrangliste. Kein anderer spielte so oft und viel Tennis wie er. In 29 Turnieren bestritt er 101 offizielle Tennismatches. Doch schon bei seiner Niederlage im Daviscup gegen Max Myrni, die den Abstieg der deutschen Daviscup-Mannschaft aus der Weltgruppe nach sich zog, musste sich Schüttler unangenehme Fragen gefallen lassen. War es unbedingt nötig, unmittelbar vor dem Duell gegen Weißrussland noch ein Turnier in Südamerika zu bestreiten?

Auch diesmal könnte das Mammutprogramm des vergangenen Jahres seine aktuelle Schwächephase erklären. Körperlich erschien Schüttler topfit in Melbourne, doch das ist nichts Neues für den stillen Kämpfer, der in den Matches von seiner starken Physis lebt. Wie aber ist es um seine mentale Stärke bestellt? Im Match gegen Robin Söderling fehlte ihm die Bissigkeit, die ihn sonst stets auszeichnete. Womöglich braucht er doch eine längere Pause, um wieder den nötigen Hunger auf Erfolge zu entwickeln? „Das habe ich mich in der Kabine auch schon gefragt“, sagte Schüttler.

Womit bereits das Positive dieser Niederlage beschrieben ist. Automatisch muss Rainer Schüttler nun eine längere Auszeit einlegen. In Melbourne jedenfalls ist der Tennisprofi jetzt arbeitslos. „Ich mache erst mal zehn Tage Pause“, erklärte Schüttler, nachdem die erste Enttäuschung vorüber war. „Erst wenn ich wieder Lust habe, gehe ich wieder auf den Tennisplatz.“

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