Sport : Ein Flugzeug namens Hannawald

Benedikt Voigt

Das Härteste sind zur Zeit die Nächte. "Sie sind genauso beschissen wie die anderen Nächte auch", sagte Sven Hannawald über die Nacht vor dem Skispringen auf der Bergisel-Schanze. Die Aufregung hält den neuen Liebling der Nation, wie ihn die "Bild"-Zeitung inzwischen nennt, in den Nachtstunden wach. In dem Moment aber, in dem er seine Skier in die Anlaufspur dreht und sich vom Balken abstößt, wird alles ganz leicht. "Es ist einfach ein schönes Gefühl", sagt der 27-Jährige, "das ist Genießen pur."

Nach seinem zweiten Sprung in Innsbruck lag Sven Hannawald im Auslaufbereich vor einer Sponsorenbande und schlug die Hände vor das Gesicht. Ein Bild von strahlender Symbolkraft. Sven Hannawald kann es immer noch nicht fassen, was im Moment passiert. Der Mann aus Hinterzarten im Schwarzwald gewann mit Weiten von 134,5 und 128 Metern bei 270 Punkten auch das dritte Springen bei der 50. Vierschanzentournee vor dem Polen Adam Malysz (124/123,5/247 Punkte) und dem Österreicher Martin Höllwarth (126,5/ 120,5/244,1).

Nach seinen Siegen von Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen steht er nun vor einem besonderen Rekord. Vor dem abschließenden Springen in Bischofshofen hat er nicht nur beste Chancen, die Gesamtwertung der Vierschanzentournee zu gewinnen. Siegt er beim letzten Springen auch noch, wäre er der erste Skispringer in der 50-jährigen Tournee-Geschichte, der alle vier Wettbewerbe gewinnt. Sein Preisgeld hätte er in dieser Saison auf 330 000 Euro geschraubt.

Es ist ihm zuzutrauen, nach diesem unglaublichen ersten Flug von der neuen Bergisel-Schanze. Höher, länger und weiter als alle Springer vor und nach ihm schwebte Hannawald in das Stadion am Bergisel hinein. Erst nach 134,5 Metern kehrte er auf den Boden zurück. Mit neuem Schanzenrekord und neuem Tourneerekord. Noch nie sprang ein Springer bei der Vierschanzentournee weiter als Sven Hannawald. "Das war eine wirklich geile Bombe", sagte der dominierende Athlet dieser Tournee über seinen Rekordsatz. 22 000 Zuschauer jubelten und staunten über das Fluggefühl des Deutschen.

Im Gegensatz zu seinen Trainingssprüngen hatte er auch keine Probleme mehr beim Aufsetzen auf den Schnee. "Ich bin gelandet wie ein Flugzeug", sagte Hannawald. Nach diesem Rekordsprung war es fast wie selbstverständlich, dass Hannawald auch im zweiten Durchgang mit 128 Metern so weit sprang wie kein anderer. Der letzte Deutsche, der in Innsbruck gewann, war Jens Weißflog. Das ist lange her, exakt 18 Jahre.

Die Überlegenheit des Sven Hannawald erinnert an die des Polen Adam Malysz in der vergangenen Saison. Diesmal aber schwebt der Deutsche über dem Rest. "Ich konzentriere mich nur auf mein Springen und kann alles andere wegschalten", sagte Hannawald. Klingt einfach, doch anders kann er seine Erfolge nicht erklären. "Ich wundere mich wirklich." 42 Punkte Vorsprung besitzt er nun auf den Zweitplatzierten Malysz, in Weite umgerechnet sind das 20 Meter. Ein beruhigender Vorsprung vor dem letzten Springen. Trotzdem sagte er: "Ich greife auch in Bischofshofen noch einmal voll an."

Schon heute findet dort das Qualifikationsspringen (13.45, live in RTL) statt, 24 Stunden später am Dreikönigstag entscheidet sich dann, ob Sven Hannawald wirklich als erster alle vier Springen der Tournee gewinnen kann. Ein erklärtes Ziel von ihm ist dieser Rekord nicht. "Das ist eine schöne Geschichte für euch Journalisten", sagt Hannawald, "ich gehe einfach hin, und mache mein Zeug." Das sagt er schon seit geraumer Zeit: "Ich mache mein Zeug." Er macht es erfolgreich.

Am gestrigen Abend beinhaltete das, dass er in den Mannschaftsbus der deutschen Skispringer stieg. "Mein Platz ist schon reserviert im Bus", sagte Hannawald. Auf der Fahrt von Innsbruck nach Bischofshofen wollte er den Tag mit dem Einzigen abrunden, das ihm bis dahin noch nicht gelungen war: schlafen.

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