Sport : Ein Freund und großer Bruder

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Von Martin Hägele

Osaka. Marabouts werden sie genannt. Vier oder fünf dieser Voodoo-Priester soll Senegals Fußball-Verband offiziell beschäftigen. Einer stimmt die Geister gut für die Torhüter, einer für die Verteidiger, einer für die Mittelfeldspieler und einer für die Stürmer; der fünfte soll im Lager der Gegner Unheil stiften und deren Beine verhexen.

Senegals französischer Trainer Bruno Metsu hat nie etwas unternommen gegen die Marabouts und ihr okkultes Treiben. Es hat ihn nie gestört, weil diese Dinge schon immer zum Fußball im Senegal gehört haben; und weil einer, der mehr oder weniger zufällig in Afrika gelandet ist, nicht Missionar spielen muss. Wenn ihn etwas stört, dann die Verfassung seiner Spieler beim Training am Mittwochabend. „Sie waren heute nicht mit dem Kopf bei der Sache“, sagt Metsu, und das sei zum ersten Mal so im Verlauf der WM. Sonst hätten seine Leute stets höchste Konzentration gezeigt. Vor dem Viertelfinalspiel gegen die Türkei am Sonnabend ist das noch nicht so, aber es steht ja noch ein Training auf dem Programm.

Dass es überhaupt einen Programmpunkt wie Training gibt bei den Fußballern Senegals, die sich sonst in Japan bewegen, als wären sie im Urlaub, ist eine der wundersamen Stories rund um das Sensationsteam des Turniers. Ähnlich mysteriöse Geschichten ranken sich auch um den Franzosen mit dem schulterlangen Haar, der stets ein T-Shirt und dazu einen Anzug trägt. Dass er der Freund und große Bruder seiner Kicker ist, sieht man. Dazu braucht man nicht einmal den Spruch von El Hadj Diouf zu zitieren: „Mit Bruno kann man über alles sprechen, sogar über Frauen und Sex.“

Wenn es beim WM-Turnier einen ausländischen Trainer gegeben hat, der sich in die Köpfe seiner Profis versetzen kann und daraus die richtigen Schlüsse zieht, dann ist es Metsu. Schon kurz nach seinem Amtsantritt 2000 hat er gemerkt, dass man diese Spieler nicht wie Deutsche oder Franzosen behandeln kann. „Sie wollen keinen Lehrer oder Trainer“, sagt Metsu, „sondern einen, der zu ihrer Gruppe gehört und sie dabei führt.“

Bis zu welchem Niveau hin aber kann diese Gruppe funktionieren? Wird sie gegen die routinierten Türken nicht letztendlich doch auf die verblüffenden Soli ihrer Individualisten angewiesen sein: El Hadj Diouf und Salif Diao, die beide gerade vom FC Liverpool eingekauft worden sind? Oder Henri Camara, der gegen Schweden gleich zweimal traf? Oder Khalilou Fadiga, der Spielmacher von Auxerre, der seine Sperre abgesessen hat? Sollten trotz dieser unbeantworteten Fragen das Halbfinale erreichen, wäre dies auch ein Hammerschlag auf die Hinterköpfe der Vertreter der herkömmlicher Trainingslehre. Statt in streng bewachten Camps Kondition zu bimsen, hat die Fußball-Familie des WM-Neulings eine Woche in Senegals Urlaubsparadies Salj verbracht, tagsüber am Strand gelegen, abends ein bisschen im Sand gekickt. „Es gibt keine bessere WM-Vorbereitung als Ferien“, hat Metsu dies begründet, „denn der größte Feind von gescheitem Fußball ist geistige Müdigkeit am Saisonende.“

Der größte Feind des afrikanischen Fußballers sei dessen schnelle Zufriedenheit und plötzliche Arroganz, behaupten die Experten. Nur deshalb sei bislang den Vertretern Afrikas der große Coup bei einer WM verwehrt geblieben - am nächsten dran war Kamerun, als es 1990 im Viertelfinale den Vorsprung gegen England verspielte. Das ist die beste Warnung für Metsus Männer.

Am Sonnabend können sie die erfolgreichste Mannschaft Afrikas bei einer WM werden. Vielleicht sind sie auch deshalb nervöser als sonst. Und die, die sie beobachten, glauben plötzlich hinter jedem schwarzen Mann einen Marabout zu entdecken.

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