Sport : Ein ganzes Doping-Kartell

Die USA steht vor dem möglicherweise größten Betrugsfall im Sport: Zahlreiche Leichtathleten sind mit einem neuen Steroid erwischt worden

Frank Bachner

Der Tipp, der einen Schock auslösen könnte, kam von einem Insider. Ein renommierter US-Leichtathletik-Trainer rief Anfang Juni die Anti-Doping-Agentur (USADA) an und teilte mit, dass US- und internationale Leichtathleten ein Steroid verwendeten, das noch nicht nachgewiesen werden könne. Später sandte er der USADA eine Spritze, in der dieses mysteriöse Mittel war. Die alarmierten Doping-Fahnder nahmen daraufhin bei den amerikanische Leichtathletik-Meisterschaften in Stanford 350 Dopingproben, darunter auch einige von Top-Stars, und weitere 100 später im Training von Athleten. Die Ergebnisse verkündete USADA-Direktor Terry Madden am Donnerstag, und diese Ergebnisse sind für ihn überaus erschreckend. „Ich kenne keinen Dopingfall, in den mehr Athleten verwickelt waren als in diesen. Das ist absichtlicher Betrug der schlimmsten Art. Das Ausmaß stellt sich als eine Verschwörung von Chemikern, Sportlern und Trainern dar, die glaubten, mit einem nicht nachweisbaren Designer-Steroid die Mitkonkurrenten, die Amerikaner und die Weltöffentlichkeit betrügen zu können“, sagte Madden.

Die Designer-Substanz heißt Tetrahydrogestrinone (THG), „wirkte zwar Monate, doch die Nachweisbarkeit belief sich nur auf drei bis sieben Tage“ (Madden). Wer erwischt wurde, ist nicht bekannt. Erst im Dezember, nach der Analyse der B-Proben, würden die Dopingsünder öffentlich benannt, sagte Madden. Die Athleten fühlten sich sicher, aber sie hatten Don Catlin unterschätzt. Der Chemiker vom Dopinglabor an der Universität UCLA in Los Angeles hat ein Nachweisverfahren entwickelt. Den Dopingsündern drohen nun zwei Jahre Sperre, und damit wären für sie die Olympischen Spiele 2004 gelaufen. Genau dieser Punkt, neben der Masse der Fälle, macht die Brisanz für US-Fans aus. Denn Olympische Spiele haben für sie überragende Bedeutung. Zudem ist ihre Sensibilität für Doping in der Leichtathletik immerhin so gestiegen, dass der Dopingfall Kelli White kurzzeitig ein gewisses Aufsehen erregte. Bei der 100- und 200-m-Weltmeisterin wurde bei der WM das Stimulanzium Modafinil gefunden. Auch bei ein paar der nach dem Tipp getesteten Athleten hat die USADA Modafinil entdeckt.

Für die Dopingexperten gilt der US-Leichtathletik-Verband als Wurzel des Übels. „Der Verband weigert sich bis heute, die Namen von Leichtathleten, die zwischen 1996 und 2000 positiv getestet wurden, zu veröffentlichen. Und nur unter massivem Druck gab das Nationale Olympische Komitee der USA (USOC) zu, dass 1999 33 Athleten positiv getestet wurden. Nur ein Name wurde unerwartet vom USOC bei der Leichtathletik-WM in Paris bekannt gegeben: Jerome Young, Staffel-Olympiasieger von 2000. Zuvor hatte freilich die „Los Angeles Times“ Young entlarvt. Bei der WM gewann Young den 400-m-Titel.

Übers Dopingsystem der US-Leichtathleten plauderte Skandaltrainer Charlie Francis, einst Coach des kanadischen Dopingsünders Ben Johnson, 2001 mit dem Magazin „Testosterone Magazine“: „An der anabolen Front stimmt heute jeder überein, dass die Amerikaner die Allerersten mit dem Allermeisten waren.“ Francis trainierte 2003 sogar kurzzeitig 100-m-Weltrekordler Tim Montgomery. Der US-Sprinter verließ ihn dann aber wieder aufgrund massiver Kritik.

Aber die Dopingproblematik in den USA geht ja weit über die Leichtathletik hinaus. In der populären Profi-Baseballiga wurde zwar nach dem Tod eines Spielers ein neues Kontrollsystem eingeführt. „Aber man muss wirklich dumm sein, wenn man erwischt wird“, sagte Gary Wadler von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada der „New York Times“. Viele Spieler steigen offenbar auf das Wachstumshormon HGH um. „HGH ist der Weg, um das System zu umgehen“, sagt ein Spitzentrainer. Denn HGH steht nicht auf der Kontrollliste. Experten schätzen, dass 20 Prozent aller Profis HGH konsumieren.

Bei den US-Leichtathleten ist es nun nicht mehr so einfach, Namen zu verbergen. Seit Oktober 2000 führt die USADA Regie bei den Kontrollen. Und sie enthüllt Dopingsünder.

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