Sport : Ein gewisser Hang zur Selbstzerstörung

In den Niederlanden wird wieder über einen Streit zwischen den weißen und den dunkelhäutigen Nationalspielern diskutiert

Stefan Hermanns

Dick Advocaat war offensichtlich sehr erregt. Von „Blödmännern“ sprach er, von „einer unverschämten Lüge“, die von eben diesen Blödmännern verbreitet worden sei. „Ich könnte ausflippen“, sagte der Bondscoach der holländischen Fußball-Nationalmannschaft. Einen Monat vor dem nächsten Länderspiel der holländischen Elf Ende März gegen Tschechien hatte der Fußballverband KNVB zu einer spontanen Pressekonferenz eingeladen.

Der Anlass war eigentlich nichtig. Es ging um zwei Kolumnen, die zwei Tage zuvor im „NRC Handelsblad“ und im „Algemeen Dagblad“ erschienen waren. Deren Schreiber hatten sich über ein Handgemenge zwischen den beiden Nationalspielern Edgar Davids von Juventus Turin und Mark van Bommel (PSV Eindhoven) ausgelassen, einen Vorfall, der sich bereits im Oktober des vergangenen Jahres, nach dem EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich in Wien, ereignet hatte. Nach der Begegnung wies van Bommel Davids darauf hin, dass er die nötige taktische Disziplin habe vermissen und seinen Gegenspieler mehrmals habe laufen lassen. Daraufhin soll der dunkelhäutige Davids wie ein Straßenkämpfer auf van Bommel losgegangen sein. „Das kann gar nicht sein“, sagte Kotrainer Willem van Hannegem. „Sie standen beide in unterschiedlichen Ecken der Kabine.“

Wie auch immer. Dass Fußballer gelegentlich auch mit Händen und Füßen diskutieren, um sich angemessen auszudrücken, ist eigentlich nicht ungewöhnlich. Im Fall Davids aber reagiert die niederländische Öffentlichkeit besonders sensibel – und das hängt vor allem mit dessen Vergangenheit zusammen. Davids, so heißt es, könne sogar in einer leeren Kabine einen Streit anzetteln. Schon bei der Europameisterschaft 1996 war der Mann, der nicht nur wegen seiner Spielweise den Spitznamen „Pitbull“ trägt, unangenehm aufgefallen. Davids hatte sich damals über die angebliche Benachteiligung der dunkelhäutigen Teammitglieder beklagt und dem damaligen Bondscoach Guus Hiddink empfohlen, er möge „den Kopf aus dem Arsch der weißen Spieler nehmen“.

Auch in der aktuellen Affäre wird nun wieder allzu gern ein Schwarz-Weiß-Gegensatz konstruiert. „Die dunkelhäutigen Nationalspieler hängen wieder wie Kletten aneinander“, schrieb der NRC-Kolumnist Hugo Camps, „die weißen wiederum kotzen auf Davids, weil er die Atmosphäre vergiftet.“ Camps ist dafür bekannt, dass er zu drastischen Darstellungen neigt; umso verwunderlicher ist es, dass der KNVB daraufhin gleich eine Pressekonferenz einberuft.

Die vermeintliche Affäre aber kommt dem holländischen Fußball in einer Zeit des Aufschwungs reichlich ungelegen. „De Telegraaf“, die größte Zeitung des Landes, fühlt sich schon wieder an den „historischen Hang zur Selbstzerstörung“ erinnert. Seit dem 1. September 2001 ist die holländische Nationalmannschaft ungeschlagen, seit jenem verhängnisvollen 0:1 in Dublin, durch das die Elf die Teilnahme an der WM verpasst hat. Seitdem hat sie neunmal gewonnen – unter anderem gegen Vizeweltmeister Deutschland – und zweimal unentschieden gespielt. „Die niederländische Mannschaft lebt wieder“, sagt Bondscoach Dick Advoocat. „Ich will nicht, dass die Vorbereitung auf das Spiel gegen Tschechien durch Nebensächlichkeiten gestört wird.“

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