Sport : Ein große Inszenierung

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Stefan Hermanns über den Schauspieler Huub Stevens

Huub Stevens hat am Donnerstagnachmittag eine perfekte Analyse des UefaCup- Spiels von Hertha BSC gegen Groclin Grodzisk geliefert. Genau so, wie man das von einem Trainer erwarten kann. Stevens hat die Schwächen seiner Mannschaft genau benannt: Torhüter Gabor Kiraly ist ihm zu ruhig und zu fahrig in der Spieleröffnung, die Abwehrspieler Friedrich, Simunic, van Burik und Madlung halten sich nicht an ihre taktischen Vorgaben, Neuzugang Niko Kovac ist nach knapp einem Jahr auf der Ersatzbank bei den Bayern nicht richtig fit, Artur Wichniarek, ebenfalls neu, kann sich mit der ihm zugedachten Position nicht anfreunden, Alexandar Mladenow ist zu brav, um Herthas Spiel zu lenken, Bart Goor leidenschaftslos, und Fredi Bobic steht nach Stevens’ Beobachtung nur vorne rum.

Alles richtig. Dass Stevens erkannt hat, was die Zuschauer im Stadion bei Hertha schon lange beklagen, ist nicht ungewöhnlich für einen gut ausgebildeten und erfahrenen Trainer. Ungewöhnlich ist, dass Stevens seine analytische und taktische Nachbearbeitung des Uefa-Cup-Spiels entgegen seiner sonstigen Art auf dem Trainingsplatz vorgenommen hat – vor Presse und Zuschauern. Bisher hat sich Stevens immer vor die Mannschaft gestellt. Nicht weil er so ein netter Mensch ist, sondern weil es seine Überzeugung ist, dass Kritik nur innerhalb des Mannschaftskreises geäußert werden soll. Wenn er nun gegen sein eigenes heiliges Prinzip verstößt, zeigt das womöglich die Verzweiflung, die ihn ergriffen hat. Menschen, die Stevens nicht gerade wohl gesinnt sind (und davon gibt es in Berlin eine ganze Menge), könnten nun sagen: Ha, jetzt wird er nervös.

Wenn Stevens’ Angriff auf die Spieler ein spontaner Ausbruch gewesen ist, wäre das richtig. Aber viel eher sieht es so aus, als ob es sich um eine große Inszenierung handle. Stevens ist ein Schauspieler: In der vorigen Woche hat er den lockeren Entertainer gegeben, beim Training viel zu oft gelacht für die viel zu lausige Situation der Mannschaft, um den Spielern eine gewisse Normalität vorzugaukeln. Weil diese Methode nur bedingt erfolgreich war, hat es Stevens nun auf genau die gegenteilige Art versucht – mit der öffentlichen Maßregelung seines Personals.

Diese neue Taktik ist gefährlich. Zum einen, weil der Trainer sich dem Vorwurf aussetzt, sich zu sehr von seinen Emotionen leiten zu lassen (unter anderem daran ist in Berlin Jürgen Röber gescheitert); zum anderen, weil ihm nach der öffentlichen Bloßstellung einzelner Spieler nicht mehr viele Maßnahmen bleiben, um auf weitere Rückschläge zu reagieren. Noch ist das Risiko für Stevens gering. Sein auf die öffentliche Wirkung bedachter Ausbruch ist gewissermaßen durch die neue Vereinslinie („Die Spieler sind schuld“) gedeckt, die Manager Dieter Hoeneß am Tag zuvor festgelegt hat. Mit seiner Wortwahl („Die Scheiße“) ist Stevens dem Vorbild von Rudi Völler gefolgt. Es gibt aber einen Unterschied. Völler hat die Kritiker seiner Mannschaft angegriffen und sich vor seine Spieler gestellt. Huub Stevens aber hat die Spieler angegriffen.

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