Sport : Ein guter Grund, nervös zu sein

Deutschland landet in der schwersten Gruppe der EM und spielt gegen Portugal, Holland und Dänemark.

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Berlin - Joachim Löw hatte seinen Kopf leicht nach vorne gebeugt. Er schaute nicht nach rechts, wo Oliver Bierhoff leicht seinen Kopf schüttelte, nicht nach links zu seinem Assistenten Hans-Dieter Flick. Löw sagte nichts, und er zeigte auch sonst keine erkennbare Reaktion. Vermutlich musste er diesen Schlag erst einmal verdauen.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat schon einmal schlechte Erfahrungen mit Marco van Basten gemacht. 1988 schoss der Stürmer aus Holland Gastgeber Deutschland im EM-Halbfinale aus dem Turnier. Gestern, bei der Auslosung der Vorrundengruppen für die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine, zog er das Los Germany zur Unzeit. Nicht in Gruppe A mit Polen, Tschechien und Griechenland landete die Mannschaft von Bundestrainer Löw. Van Basten schickte sie in die Hammer-, Horror-, Todesgruppe: Ihre Gegner im kommenden Sommer heißen Holland, Portugal und Dänemark. „Vielleicht ist es ganz gut, dass die Euphorie mal ein bisschen gedrückt wird“, sagte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. „Wir wissen jetzt, dass es von Anfang an ernst wird.“

Joachim Löw hatte vor der Auslosung im Kunstpalast Ukrainia in Kiew das gesagt, was man in solchen Situationen eben so sagt: dass man das Ergebnis sowieso nicht beeinflussen könne, man es nehmen müsse, wie es komme, und eine Auslosung überhaupt keine Auswirkung auf den Verlauf eines Turniers habe. Seine Körpersprache sagte etwas anderes. Der Bundestrainer kaute an seinem Stift, er knabberte an seinem Daumen – der Bundestrainer war nervös. Und das, wie sich um kurz vor sieben herausstellen sollte, aus gutem Grund. „Es ist wahrscheinlich die stärkste, interessanteste und ausgeglichenste Gruppe“, sagte Löw nach der Zeremonie. „Wir können uns auf interessante Duelle freuen. Aber ich habe da keine Angst.“ Der niederländische Bondscoach Bert van Marwijk brachte die allgemeine Stimmung etwas treffender auf den Punkt: „Von all den Trainern aus unserer Gruppe habe ich keinen gesehen, der fröhlich war.“ Als ähnlich hart dürfte nur Irlands Nationaltrainer Giovanni Trapattoni die Auslosung empfunden haben. Er trifft mit seiner Mannschaft nicht nur auf Weltmeister Spanien und Kroatien, sondern auch auf sein Heimatland Italien.

Die Deutschen hat es gleich doppelt getroffen. Die harte Konkurrenz in der Gruppe B ist das eine; hinzu kommt noch, dass die Nationalmannschaft von ihrem Quartier in der Nähe von Danzig weite Wege zu ihren Spielorten zurücklegen muss. Alle drei Vorrundenbegegnungen bestreitet sie in der Ukraine, zweimal spielt sie im rund 600 Kilometer Luftlinie entfernten Lwiw (Lemberg); nach Charkow sind es sogar knapp 1300 Flugkilometer. „Das ist logistisch nicht ganz einfach“, sagt Oliver Bierhoff.

Eröffnet wird die EM am 8. Juni im Warschauer Nationalstadion mit dem Duell zwischen Gastgeber Polen und Griechenland. Für die Deutschen beginnt das Turnier einen Tag später mit dem Spiel gegen Portugal. Beim letzten Aufeinandertreffen, im Viertelfinale der EM 2008, setzte sich die Nationalmannschaft mit 3:2 durch. Am 13. Juni trifft sie in Charkow auf Vizeweltmeister Holland, den sie vor zweieinhalb Wochen in Hamburg in einem Testspiel 3:0 bezwungen hat. Was das für die EM bedeutet? Nicht viel. Die Holländer mussten in Hamburg auf Robin van Persie, Rafael van der Vaart und Arjen Robben verzichten. „Wenn van Persie spielt, sind sie eine andere Mannschaft“, sagt Bundestrainer Löw, dessen Mannschaft zum Abschluss der Gruppenphase am 17. Juni gegen Dänemark spielt.

Für Joachim Löw und sein Team beginnt nun die Detailplanung. In der unmittelbaren Vorbereitung auf das Turnier bestreitet die Nationalmannschaft noch zwei Testspiele, eins während des Trainingslagers im Ausland, das zweite Anfang Juni in Leipzig. Die Gegner und die genauen Termine stehen noch nicht fest. Spätestens am 4. Juni aber werden die Deutschen ihr EM-Quartier in Sopot an der Ostsee beziehen.

Einen Vorteil hat die schwierige Vorrundengruppe für die Deutschen möglicherweise doch. Danach kann es nur leichter werden. Sollte die Nationalmannschaft das Viertelfinale erreichen, trifft sie auf einen Gegner aus Gruppe A, der vermutlich leichtesten des Turniers.

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