Sport : Ein harter Knochen

Nach schwerer Verletzung hat Skifahrer Hermann Maier ein Weltcup-Rennen gewonnen – ein Wunder? Nein, sagt ein Mediziner, der Mann ist gesund

Frank Bachner

Berlin. Andreas Schifferer ist nur Vierter geworden, obwohl er keinen Horror-Unfall hatte, und natürlich sprach er deshalb von Wahnsinn. „Unglaublich“, sagte also Österreichs Weltklasse-Skirennfahrer Schifferer, „der Bursche muss einen Willen haben, das ist der Wahnsinn.“ Der Bursche hatte nämlich gerade den Super-G von Kitzbühel gewonnen, und das lag bestimmt nicht nur an der irrsinnigen Willenskraft von Hermann Maier. Das lag auch daran, dass sein Unterschenkel gehalten hat, dass der zweimalige Olympiasieger, der 2001 vom Motorrad katapultiert worden war, nicht Opfer einer extremen Belastung bei den Kurvenfahrten geworden ist.

Aber was heißt überhaupt: Opfer? Und weshalb sollte der Unterschenkel, der vor 522 Tagen fast amputiert worden wäre, nicht halten? „Medizinisch ist Hermann Maier gesund“, sagt Bernd Michael Kabelka, Chefarzt der Orthopädischen Abteilung des Krankenhauses Tabea in Hamburg-Blankenese. „Er ist eine Ausnahmeerscheinung, er hätte sogar schon früher fahren können.“ Laien wundern sich über Maiers Comeback, Laien denken, dass Maier mit seiner Gesundheit spielt und Opfer seines Ehrgeizes werden könnte. Kabelka, der Fachmann sagt: „Der Unterschenkel ist verheilt, dazu war genügend Zeit. Der Unfall war immerhin vor 18 Monaten. Und dadurch, dass Maier einen Nagel im Unterschenkel hat, ist der Knochen sogar geschient.“ Als Arzt, sagt Kabelka, habe er keine Bedenken. „Der kann jetzt wieder runterfahren wie früher.“

Mag ja sein, dass die Knochenwucherung wie eine Geschwulst vorsteht. Maier hat es deutlich im „Spiegel“ beschrieben. Er macht dann ganz schnell die Schnalle des Skischuhs zu, damit ihn dieses Bild nicht deprimiert. Für Kabelka ist diese Knochenstruktur uninteressant. „Fuß und Sprunggelenk stecken im Stiefel, werden dort fixiert, zudem hat Maier eine ausgeprägte Muskulatur, die stabilisiert.“ Und ob der 30-Jährige Abfahrt, Super-G oder Slalom fährt, egal. Maier klagt zwar über Probleme bei der Feinmotorik, zum Beispiel, dass er oft nicht weiß, ob beim Gleiten die Druckverteilung stimmt, aber ein echtes Risiko, sagt Kabelka, stelle dieses Manko nicht dar. „Der Maier ist ein Ausnahmefahrer“, sagt der Orthopäde, „das Einzige, was ihm noch fehlt, ist das Selbstbewusstsein. Rein körperlich ist er gesund, aber er muss die Sicherheit im Kopf bekommen.“

Maier, sagt Kabelka, sei nicht zu vergleichen mit Hilde Gerg. Die Deutsche war im Dezember schon zwölf Tage nach einem Kreuzbandanriss im Knie die Weltcup-Abfahrt von Lenzerheide heruntergerast. Bei ihr hatten lediglich die Muskeln das lädierte Knie stabilisiert. Der geringste Fahrfehler hätte mit einer Katastrophe enden können. Damals hatte Kabelka große Bedenken.

Aber bei Maier? Maier ist schon sehr bald wieder der Alte, sagt der Orthopäde: „In vier, fünf Wochen fährt er die Konkurrenz wie früher in Grund und Boden.“

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