Sport : Ein Hauch von Olympia

Bei der Schwimm-EM der Körperbehinderten in Berlin gilt der Fokus den Paralympics 2012

Paul Hullmeine
Der Traum von London. Auch bei den Paralympics im nächsten Jahr will Daniela Schulte eine Medaille. Foto: Imago
Der Traum von London. Auch bei den Paralympics im nächsten Jahr will Daniela Schulte eine Medaille. Foto: ImagoFoto: imago sportfotodienst

Berlin - Iryna Soska ist schon Letzte, aber das hört man nicht in der Schwimmhalle an der Landsberger Alle. Im Gegenteil, man könnte den Eindruck gewinnen, sie schwömme um Gold. Fast alle Zuschauer feuern mit Tröten, Rufen und Klatschen die Russin an. Bei der Europameisterschaft der Behindertenschwimmer in Berlin kämpft sie immer noch gegen die Zeit, alle Konkurrentinnen haben bereits angeschlagen. Als sie schließlich beinahe zwei Minuten nach der Siegerin die Uhr anhält, bekommt sie noch immer tosenden Beifall.

Auch wegen dieser positiven Stimmung ist dieser Wettkampf im eigenen Land für die deutschen Athleten ein guter Vorgeschmack auf die Paralympics nächstes Jahr in London. So sagt Schwimmerin Kirsten Bruhn, die durch eine Lähmung beider Beine gehandicapt ist, dass die Atmosphäre zwar paradiesisch sei, fügt jedoch an: „Da steht man dann aber leider noch mehr unter Druck, vor heimischem Publikum zu gewinnen. Das ist eine ganz besondere Herausforderung.“ Bruhn bestätigte bei dieser EM, dass sie auch international zu den Besten zählt: Insgesamt holte sie vor abschließenden Staffel eine Gold-, drei Silber- und eine Bronzemedaille. „Auch wenn die Vorbereitung eher suboptimal war, bin ich mit meinen Leistungen sehr, sehr zufrieden“, sagte sie. Bei den Paralympics in London will sie ihre Sammlung von bisher neun Medaillen noch ergänzen.

Ihre größten Konkurrenten sind vor allem die Athleten aus der Ukraine und aus Großbritannien. Dies liege an der besseren Unterstützung für die Sportler. „Wenn ein Schwimmer aus der Ukraine bei den Paralympics gewinnt, kann er davon seine Familie drei bis sechs Monate ernähren“, sagt Hallensprecher und Behindertensportexperte Christian Holzmacher. Ähnlich sieht es bei den britischen Schwimmern aus. „Die Briten sind so gut, da sie schon seit 1999 sehr stark gefördert werden“, sagt Bernhard von Welck, der deutsche Teammanager, „zusätzlich fließt jetzt in Hinsicht auf die Paralympics im eigenen Land noch mehr Geld.“ Diese Ausnahmestellung der britischen Mannschaft bestätigt auch die deutsche Bundestrainerin Ute Schinkitz: „Die Professionalisierung ist in Großbritannien schon viel weiter fortgeschritten.“ Ernüchternd fällt dazu der Vergleich zum deutschen Team aus. „Momentan müssen die Sportler noch sehr viel aus der eigenen Tasche zahlen“, sagt von Welck.

Der starken internationalen Konkurrenz trotzen konnte neben Bruhn auch die Berlinerin Daniela Schulte. Obwohl sie insgesamt sechs Medaillen, darunter drei Mal Gold, erschwamm, steht die sehbehinderte Schwimmerin bescheiden in der Mixed Zone und formuliert zurückhaltende Ziele. Vielleicht in Richtung Medaille solle es für sie bei den Paralympics gehen. Dabei ist sie bereits eine dreifache Weltmeisterin.

Dass etwas auch schief gehen kann, musste sie bei dieser EM am eigenen Leib erfahren. Die sehbehinderten Schwimmer benötigen am Beckenende einen Helfer, den sogenannten Tapper, der sie durch Antippen mit einem langen Stab auf das Einleiten der Wende hinweist. Auf dem Weg zu ihrer Goldmedaille verfing sie sich jedoch kurz an diesem Stab, wodurch sie ihren Tapper, Trainer Matthias Ulm, beinahe ins Wasser gezogen hätte. „Das Tappen muss hart trainiert werden“, sagt Bernhard von Welck, „es ist alles andere als leicht, Vertrauen zur anderen Person aufzubauen und ein Gefühl füreinander zu entwickeln.“ Beirren ließ sich Schulte von diesem Vorfall jedoch nicht: Am Ende konnte sie trotzdem als Erste anschlagen und hatte Gold gewonnen.

Insgesamt ist Bundestrainerin Ute Schinkitz mit der Leistung des deutschen Teams zufrieden, obwohl es das Ziel, in der Medaillenwertung Rang fünf zu erreichen, nicht erreicht hat . „Alle haben zum Saisonhöhepunkt ihr beste Leistung abrufen können“, sagt Ute Schinkitz. Dies auch in London zu wiederholen, wird im nächsten Jahr wichtig. Und besser ohne derartige Schrecksekunden wie bei Daniela Schulte.

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