Sport : Ein Hauch von Pfadfinderromantik

Der neue Freiburger Trainer Christian Streich setzt auf die Jugend – und ist damit fürs Erste erfolgreich.

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Respekt für eure Leistung. Der ehemalige Jugendtrainer Christian Streich verbeugt sich vor Torschütze Matthias Ginter und den anderen beförderten Nachwuchskräften.
Respekt für eure Leistung. Der ehemalige Jugendtrainer Christian Streich verbeugt sich vor Torschütze Matthias Ginter und den...Foto: dapd

Von Matthias Ginter wird es an diesem Wochenende keine ausufernden Statements geben. Ginter wurde vergangenen Donnerstag 18 Jahre alt. Zwei Tage später schoss er den Siegtreffer zum 1:0 des SC Freiburg im Abstiegsduell gegen einen erschreckend schwachen FC Augsburg. Es wird auch in den kommenden Wochen und Monate nichts von ihm zu hören sein. Jedenfalls deuten die Aussagen von Christian Streich, 46, genau darauf hin. Das ist der Mann, der seit dem 29. Dezember neuer Cheftrainer des SC Freiburg ist und seine eigene Art hat, dieses Amt zu interpretieren. „Wir haben einen Erziehungsauftrag“, sagt er. „Er hat in drei Monaten sein Abitur. Wir müssen schauen, dass wir und die Lehrer gut mit ihm arbeiten können.“ Es folgte die Bitte, den jungen Burschen doch bitte weitgehend in Ruhe zu lassen: „Das Tor wird keine Folgen haben, wenn man ihn vernünftig behandelt.“

In Freiburg hat man nicht nur wegen des Auftakterfolges zum Rückrundenstart das Gefühl, Streich habe den Sportclub aus einer Lethargie geweckt. Und das, obwohl er seit 16 Jahren für den Verein arbeitet, mit der A-Jugend 2008 Meister, dazu dreimal Pokalsieger wurde und die Fußballschule leitete. Das wiederum hat mit den jungen Spielern zu tun, die Streich in den Profibereich befördert hat. Einer von ihnen heißt Matthias Ginter und ist mit 18 Jahren und zwei Tagen nun der jüngste Freiburger Bundesliga-Torschütze.

Manchmal sieht Streich am Spielfeldrand im großzügig geschnittenen Trainingsanzug aus wie ein Camper, der gerade aus dem Zelt gekrochen ist. Er steht dann da, hat sich selbst die Haare verstrubbelt und ist völlig versunken in Gedanken und Beobachtungen. Er tobt, spornt an, weist hin und klatscht. Und er lebt Leidenschaft vor. „Das war Mut, Feuer und taktische Disziplin, alles was dazugehört“, sagte Klubchef Fritz Keller, und Sportdirektor Dirk Duffner ergänzte: „Im Trainingslager war das schon so, und wir haben gehofft, dass der Funke überspringt.“ Er sprang über – und vor allem ging die Rechnung auf, junge Spieler zu befördern.

„Die Leute sollen erkennen, dass es eine Perspektive gibt“, sagte Streich, „egal, ob wir die Klasse halten, in die Relegation müssen oder absteigen.“ Präsident Keller hatte im Dezember, als der SC sechs Spieler aussortierte und Trainer Marcus Sorg nach sechs Monaten vor die Tür setzte, von Schritten gesprochen, die in die Zukunft weisen. Streich hat der Strategie ein Gesicht gegeben, mit vier Nachwuchsspielern: Oliver Sorg, der gegen Augsburg in der Startelf stand, Daniel Batz und Immanuel Höhn, die im Kader standen, und dem eingewechselten Ginter. „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir alle einer Aufgabe verpflichtet sind“, sagt Streich. Von seinen Spielern fordert er, miteinander zu sprechen, sich füreinander zu interessieren. Und er sagt: „Es geht um Mentalität und Haltung. Den Zuschauern hat gefallen, was sie heute gesehen haben.“

Das Glücksgefühl, in der Tabelle als Vorletzter wieder etwas Land zu sehen, lässt einen Hauch Pfadfinderromantik durch Freiburg wehen. Dennoch ist Streich authentisch. Als der SC nach dem Treffer von Ginter, erzielt nach vielen vergebenen Chancen, Kopf stand, schärfte Streich seine Sinne. Er jubelte nur kurz, „weil ich mir Sorgen gemacht habe, dass meine Spieler zu lange jubeln“. Nach einem Tor seien der Spannungsabfall und die Gefahr eines Gegentors besonders groß.

„Ich habe mich nicht anders gefühlt als bei einem A-Jugendspiel“, behauptete Streich nach seinem Debüt bei den Profis. Man wolle als Trainer gewinnen, egal in welcher Liga. Diese Distanz zu den Zwängen des Profigeschäfts hat Streich vorerst auch seinen jungen Spielern vermitteln können. Direkt nach dem Schlusspfiff lief er in die Kabine, „um Ruhe zu finden“ . Präsident Keller wertete den Auftritt der Mannschaft als Indiz, „dass sie nicht absteigen will“. Wie die Sache ausgehe, könne niemand sagen. Aber „sicher ist, die Rückrunde wird spannend“. Das ist schon mehr, als man in Freiburg Ende des vergangenen Jahres erwarten durfte.

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