Sport : Ein helles Licht

Wirtschaftlich gebeutelt, im Fußball das Maß aller Dinge: Das Ruhrgebiet ist elektrisiert vom Erfolg seiner Fußballvereine. Ein Besuch

Ron Ulrich
Wenn die Sonne sich über Foto: ddp
Wenn die Sonne sich überFoto: ddp

Bill Shankly wird im Fußball fast so häufig zitiert wie Sepp Herberger. Der bereits verstorbene Shankly war nicht nur einer der erfolgreichsten Trainer des FC Liverpool, sondern auch ein zuverlässiger Bonmot-Lieferant. So kennt fast jeder Shanklys Ausspruch, dass es beim Fußball nicht um Leben und Tod gehe, sondern um viel mehr. Ein weniger berühmtes Zitat Shanklys dreht sich um Liverpool, die Hafenstadt im Nordwesten Englands. „In dieser Region“, so sagte Shankly, „wird Fußball gegessen, getrunken und geatmet.“ Ob Shankly jemals im Ruhrgebiet war, ist nicht bekannt, doch sein Satz hätte genauso gut in Dortmund, Essen, Duisburg, Bochum oder Gelsenkirchen fallen können. Wo Eltern den Nachbarn stolz vorführen, dass ihre Kinder vor der Einschulung die Aufstellung und Fangesänge ihres Lieblingsvereins auswendig können. Und wo sie dafür nicht Ablehnung, sondern Anerkennung ernten. Wo die Leute ihre eigene Biografie am besten anhand von Spielen ihres Vereins aus der Vergangenheit erzählen können. „Ein Land, wo man Gesichter Fressen nennt, wo man bollig ist und doch sentimental“, wie es der Kabarettist Frank Goosen formuliert.

In den fünfziger Jahren, als Kohleförderung und Stahlbau des Ruhrgebiets die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland trugen, war die Region die „Herzkammer der Republik“. Doch danach setzte die Schließung der Bergwerke ein, tituliert als „Strukturwandel“. In manchen Städten sank die Einwohnerzahl seit den siebziger Jahren um 30 Prozent, die Arbeitslosenquote stieg bis an die 20 Prozent. Strukturwandel klingt da wie ein Euphemismus. Die einzige Konstante blieb der Fußball. Im Jahr 2011 liegt zwischen Rhein und Weser die sportliche Herzkammer der Republik. Boulevardblätter titeln: „Das Herz des deutschen Fußball schlägt im Ruhrgebiet.“ Borussia Dortmund steht vor dem Gewinn der deutschen Meisterschaft, Schalke 04 ist der letzte deutsche Vertreter im Europapokal, der MSV Duisburg steht im Pokalfinale, Bochum vor dem Aufstieg und selbst Rot-Weiss Essen feiert nach Jahren des Absturzes wieder Erfolge. „Nun, nach einem schwarzen Jahrzehnt, geht die Sonne wieder im Westen auf und strahlt hell wie 1997“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“.

1997 – eine Jahreszahl, die in diesen Tagen immer wieder genannt wird. Es war eines der erfolgreichsten Jahre in der Geschichte des Ruhrgebietsfußballs. Borussia Dortmund wurde Champions- League-Sieger, Schalke holte den Uefa-Pokal, der VfL Bochum zog in den Europapokal ein, der MSV Duisburg wurde Neunter der Bundesliga. Wie identitätsstiftend dieses Jahr für das Ruhrgebiet war, zeigte der damalige gemeinsame Schlachtruf in allen Stadien des Reviers: „Ruhrpott“. Händler gingen sogar so weit, Schals mit dem Aufdruck „Ruhrpott“ in Schwarz-Gelb-Blau-Weiß auf den Markt zu bringen. „Dieser Schulterschluss war mir schon fast zu viel“, erinnert sich Manni Breuckmann, der Radioreporter, den sie die „Stimme des Ruhrgebiets“ tauften. Es gehe immer um eine gesunde Rivalität. Wie wenig Nachhaltigkeit die Verbrüderung hatte, zeigten die Derbys nach der Jahrtausendwende. Beim Derby 2007, als Dortmund die Schalker auf dem Weg zum Titel mit einem 2:0-Sieg stoppte, „herrschte absoluter Hass, auch auf den besseren Plätzen“, sagt Breuckmann.

Auch der heutige Erfolg wird dem Verein aus der Nachbarschaft nicht unbedingt gegönnt. „Die Uefa-Fünfjahreswertung ist mir egal, wenn die Blauen international spielen. Hauptsache, die scheiden aus“, sagt ein Dortmunder. „Ich hoffe, Leverkusen holt noch die Schale“, sagt ein Schalker. Was 1997 besonders machte, war auch die gesellschaftliche Lage der Region. Die Bundesregierung hatte die Kürzung der Kohle-Subventionen beschlossen, Bergleute bangten um ihren Job und protestierten im ganzen Ruhrgebiet mit Kundgebungen und Menschenketten. Joachim Hopp spielte zu dieser Zeit beim MSV Duisburg. „Wir als Spieler haben uns bei den Mahnwachen der Bergleute beteiligt“, sagt er. „Wir haben doch gemerkt, was für die Menschen auf dem Spiel stand.“ In den Stadien hielten die Vereine Blöcke für die Bergmänner frei, verschenkten Freikarten, vor den Spielen zogen die Arbeiter mit Grubenlampen über den Platz und riefen: „Ruhrpott“. Die vereinsübergreifende Solidarisierung kam also noch vor den großen Erfolgen im Fußball.

Freikarten für die Arbeiter sind heute selten, wo in den Stadien Dauerkarten höchstens vererbt werden und die Ticketpreise explodieren. Auf Schalke rührte sich Protest, in Dortmund gründete sich die Initiative „Kein Zwanni für’n Steher“. „Warum setzt man bei dieser Arbeitslosenquote nicht die Preise runter? Für die Leute hier ist Fußball doch alles. Ich will es nicht loben, aber ich habe erlebt, wie Beschaffungskriminalität für Eintrittskarten stattgefunden hat.“ Es sind die Worte eines 67-Jährigen, der in Gelsenkirchen zur Fan-Ikone geworden ist. Mit bürgerlichem Namen heißt er Olschewski, doch alle nennen ihn „Catweazle“, in Anlehnung an einen Magier aus einer Kinderserie der siebziger Jahre. Jahrzehntelang kletterte der Mann mit den langen Haaren und dem langen Bart auf einen Mast im Schalker Parkstadion und gab mit seinen Gesängen und seiner Trommel den Rhythmus der Kurve vor. Ein Original, wie es nur das Ruhrgebiet hervorbringt, einer der ersten und wohl ungewöhnlichsten Vorsänger in Fußball-Deutschland. „Ich habe Kinder neben mir aufwachsen sehen, die haben selbst irgendwann Kinder bekommen, und die standen dann auch neben mir“, sagt er.

Zum Halbfinalspiel der Schalker gegen Manchester United kann er nicht – aus gesundheitlichen Gründen und auch weil ihn nach dem Umzug in die Arena die vielen „Event-Heinis“ stören. Andere haben sich nicht vergraulen lassen, am Bratwurststand steht ein älterer Herr auf eine Krücke gestützt. Er sagt: „Wenn Schalke ins Finale kommt, dann kann auf dieser Welt alles passieren, aber ich werde nach London fliegen, selbst wenn ich für den Rest meines Lebens nur von Wasser und Brot leben muss.“ Die Fans tragen alte, selbst gestrickte Schals und Trikots von 1997 – es ist ein besonderer Tag, jedem merkt man die Anspannung an. Die Teams laufen ein und über die Lautsprecher läuft das Bergmannslied: „Glückauf, der Steiger kommt und er hat sein helles Licht bei der Nacht schon angezünd’.“ Heute brennt das Licht weniger hell, Schalke verliert 0:2.

Knapp 40 Kilometer entfernt hat man das Ergebnis nicht gerade verärgert zur Kenntnis genommen, doch man widmet sich dem eigenen Traum: der deutschen Meisterschaft, die zum Greifen nah scheint. Auf der Dortmunder Einkaufstraße Westenhellweg ist schon drei Tage vor dem Spiel alles in Schwarz-Gelb getaucht. Manche Passanten tragen Trikot und Schal, Banner der Geschäfte sind in den Vereinsfarben gehalten, der Verkaufsschlager der Buchhandlung ist derzeit ein Borussia-Dortmund-Waffeleisen. Und der Regionalzeitung kann schon einmal die Überparteilichkeit verloren gehen, schon vor Wochen lag jeder Ausgabe ein Starschnitt der Mannschaft bei, mit dem Aufdruck: „Deutscher Meister 2010/11“. Die Begeisterung erreicht alle Schichten. Vor einiger Zeit hätte man auf die Frage „Golf?“ noch ein „Nee, Opel“ als Antwort bekommen, heute bietet der Dortmunder Fanshop für 185 Euro eine BVB-Golfausrüstung feil.

„Ich habe schon so viel erlebt“, erzählt Alfred „Aki“ Schmidt, der mit dem BVB Meister, Pokalsieger und Europapokalsieger wurde und ein echtes Idol des Vereins ist. „Doch in diesen Tagen muss ich mich selbst bremsen, um nicht vor Anspannung durchzudrehen.“ Er war jahrelang Fanbeauftragter des Vereins, Geschichten wie die des BVB-Fans, der sich auf dem kompletten Rücken das Bild von Jürgen Klopp und der Meisterschale hat stechen lassen, kennt er zuhauf. „Diese unglaubliche Leidenschaft für den Verein haben die Leute im Ruhrgebiet von ihren Oppas mitbekommen. Was hat man denn hier gehabt außer Fußball? Der Fußball war für die Bergmänner und Stahlarbeiter nach der harten Maloche doch alles.“

Am Samstag gegen Nürnberg, das werde ein echtes Endspiel, jetzt müsse man den entscheidenden Schritt machen, sagt Schmidt zum Abschied. Wenn es tatsächlich zu einer Meisterschaft käme, dann hat er einen Plan, wie er in dieser Region typisch ist: Er werde mit den Freunden zusammen gemütlich etwas trinken, im nahe gelegenen Schrebergarten.

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