Sport : Ein Idol staunt über seine Bewunderer

Hartmut Scherzer

Der frühere Box-Weltmeister hat alle Epochen dieses Jahrhunderts miterlebtHartmut Scherzer

Das 20. Jahrhundert und Max Schmeling, das ist Geschichte. Und nicht nur eine Geschichte vor dem Millennium. Der einstige und einzige deutsche Boxweltmeister im Schwergewicht ist nicht nur der deutsche Sportler des Jahrhunderts, sondern der wohl berühmteste noch lebende Zeitzeuge all seiner historischen Epochen - von der Kaiserzeit bis zur Rot-Grünen Koalition.

Als Wilhelm II. regierte, wurde Max Schmeling geboren, 1905. Im "Kohlrübenwinter" des Ersten Weltkriegs hungerte das Kind. In den "Goldenen Zwanzigern" wurde er Profiboxer und gegen Ende der Weimarer Republik in Amerika Weltmeister. In der Zeit des Nationalsozialismus half er Juden und schlug Joe Louis K.o. Von Hitler wurde er hofiert, doch seine Bescheidenheit ließ es nicht zu, zur Kultfigur des "Dritten Reiches" gemacht zu werden. Der Führer schickte den Judenfreund an die Front. Churchill sah dennoch in ihm stets ein Symbol der Nazizeit, Roosevelt hingegen nur den würdigen Champion, den er im Trainingscamp besuchte und ins Weiße Haus einlud.

Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Fallschirmjäger verwundet und verlor alles bis auf seinen nie verblassenden Ruhm. Das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik machte ihn zum wohlhabenden Geschäftsmann - auch dank Coca Cola. Den Fall der Mauer erlebte er "mit Wollust" und verfolgte "voller Freude" die deutsche Wiedervereinigung. Jetzt sieht die lebende Legende mit 94 Jahren in stiller Zurückgezogenheit dem Millennium entgegen. "Ich will hundert Jahre alt werden. Das können Sie ruhig schreiben", hatte Schmeling in einem Interview anlässlich seines 85. Geburtstages dem Autor anvertraut und diesen Lebenswillen bei Kaffee und Kuchen zu seinem 90. Geburtstag in einem kleinen Kreis geladener Journalisten bekräftigt.

Geistig rege und körperlich relativ rüstig lebt der naturverbundene alte Herr auf seinem 93 000 Quadratmeter großen Anwesen in der Nordheide der Vollendung seines eigenen Jahrhunderts entgegen. Ein Mythos, obwohl "zu aufrecht für jede Art der Verherrlichung", wie die FAZ den untadeligen Sportsmann und pflichtbewussten Bürger würdigte.

Es ist Herbert Woltmann (65), der Gemeindedirektor im Ruhestand von Hollenstedt, Schmeling-Freund, Vorstandsmitglied der Stiftung und eine Art Medien-Berater, der Auskunft über das Wohlbefinden und den Alltag dieses außergewöhnlichen Mannes im biblischen Alter gibt. Eine Augenoperation habe Max Schmeling kürzlich gut überstanden. Einmal wöchentlich komme der Hausarzt zur Gesundheitskontrolle. Mehrmals täglich trete er auf dem Home-Trainer vor dem Fernseher in die Pedale, spiele mittwochs regelmäßig Skat, sei belesen und bestens informiert über das, was auf der Welt, im Sport und natürlich im Boxen passiert. "Ich bin neugierig", begründe er sein Interesse und wisse daher auch, "was für ein tolles Paar diese Klitschkos sind". Seit dem Tod seiner Frau Anny Ondra (1987) hat sich Max Schmeling weitgehend, zuletzt ganz, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er wolle sich nicht länger "wie ein wandelndes Monument" vorkommen. Das immer noch rege Interesse der Medien kann er nicht recht nachvollziehen: "Über mich und mein Leben ist alles schon geschrieben worden, seit siebzig Jahren. Da gibt es nichts Neues."

All die vielen Ehrungen und Einladungen vor dem Jahrtausendwechsel habe "Herr Schmeling", so Woltmann, ausnahmslos dankend abgelehnt. Zwei Haushälterinnen, Hilde Böttcher seit 50 Jahren, Waltraud Wegner seit 25 Jahren, und die Sekretärin Gertrud Peters seit 45 Jahren umsorgen den Senior, der immer noch als persönlich haftender Gesellschafter seiner Firma vorsteht, dem Getränkevertrieb Hamburg Max Schmeling & Co. KG in Wandsbek. Die Fahrten in sein Hamburger Büro sind allerdings sehr selten geworden. Max Schmeling beschäftigt sich lieber zu Hause damit, sein Vermögen unter die armen Leute zu bringen. Er hat keine Erben. Seine 1991 gegründete Stiftung mit einem Kapital von derzeit über sechs Millionen Mark schüttet jährlich die durch Zinserträge erwirtschafteten Mittel von 240 000 Mark für karitative Organisationen aus. So finanziert die Stiftung u.a. auch eine Sozialstation in Schmelings Geburtsgemeinde Klein-Luckow in der Uckermark (Vorpommern). Laut Satzung dürfen keine Einzelpersonen Zuwendungen erhalten und kann keinerlei Fremdkapital zur Verfügung gestellt werden. Schmeling allein finanziert die Stiftung, in die auch einmal sein gesamtes Vermögen einfließen wird.

"Ich hatte und habe das Glück, dass es mir gut geht. Jetzt will ich dafür sorgen, dass es anderen etwas besser geht", begründete der prominente Nothelfer einmal seine Wohltätigkeit. Zu Hause, "wo er sich am wohlsten fühlt" (Woltmann), werde er den Jahrtausendwechsel im kleinen Freundeskreis feiern. Beim Rückblick auf das 20. Jahrhundert kann Max Schmeling für sich "auf ein erfülltes Leben" zurückschauen, in dem es, wie er einmal erzählte, "nie langweilig war, es immer rauf und runter ging und auf das ich auch ein wenig stolz bin".

0 Kommentare

Neuester Kommentar