Sport : "Ein Irrer weniger"

Thomas Becker

München. Christel Estermann fasst es in einem Satz zusammen: "Es tut schon weh." Ein trauriger, weil so endgültig klingender Satz. Einer, der zu einer Beerdigung passen würde, einer verregneten. Der Himmel über München leuchtet aber im klassischsten weiß-blau, als Frau Estermann diesen Satz sagt. Es ist ein Abschiedssatz. Am Donnerstagmorgen noch hatte sich die Wirtin vom "Löwen-Stüberl", der Vereinskneipe des Fußball-Bundesligisten TSV 1860 München, über einen anderen Abschiedssatz gewundert. "Auf Wiedersehen", hatte Werner Lorant zu ihr gesagt. "Auf Wiedersehen? Warum so förmlich? Du gehst doch nur zum Training." Das hatte sie gedacht, als Lorant zurück zum Auto ging anstatt zum Trainingsplatz. Christel Estermann wusste es als Erste: Werner Lorant ist nicht mehr Trainer des TSV 1860 München.

Die Mannschaft erfuhr von der Entlassung durch Präsident Karl-Heinz Wildmoser. Vor der Presse begründete er: "Der Auslöser war, dass wir in den vergangenen Wochen nicht erfolgreich gespielt haben. Ausschlaggebend war die blamable Niederlage im Derby, wobei nicht das Ergebnis entscheidend war, sondern die Art und Weise, in der wir uns ergeben haben." Hellhörig sei er geworden, als der Trainer nach dem Spiel beklagte, er habe das Gefühl, dass ihm die Mannschaft nicht mehr zuhöre. "Da muss man dann handeln als Präsident. Aber wir gehen nicht als Feinde, sondern als Freunde auseinander. Der Werner ist jederzeit in meinem Haus herzlich willkommen."

Lorant verabschiedete sich nicht mehr vom Team. Nur von Christel Estermann. Neun Jahre lang hatte er fast jeden Tag in ihrem "Stüberl" im Kaffee gerührt und vor Journalisten seine Sicht der Fußball-Dinge verbreitet. Vorbei. Nie mehr mit ihm am Kaffeetisch. Nie mehr zusammenzucken nach dem chronischen Zischen: "Interessiert mich nicht!" Keine neuen Folgen der Kult-Serie "Wichtig ist ...", die in der "Süddeutschen Zeitung" regelmäßig auftauchte. Nie mehr Werners TV-Analyse am Pils-Tisch im Olympiastadion. Nie mehr das ewige Bild von Wildmoser und Lorant auf dem Podium, davor die nach Sätzen lechzende Boulevard-Meute. Nie mehr Ausraster an der Seitenlinie, fliegende Alu-Koffer in der Coaching-Zone. Nie mehr Werner Lorant. Viele Journalisten in München sagen: "Endlich!" Doch einer meint: "Schade, ein Irrer weniger."

Lorant geht diesmal wirklich. Mindestens fünfmal hatte er angeboten, dem Verein nicht mehr im Weg stehen zu wollen. Aber immer wieder hatte Wildmoser seinem Männerfreund den Rücktritt ausgeredet. Oft genug war Werner "Beinhart" samt seiner Trainingsmethoden in Frage gestellt worden. So soll für die Rumpftruppe nach der Derby-Schlappe Medizinballtraining statt Regeneration auf dem Programm gestanden haben. Am Donnerstag fanden sich noch elf gesunde Spieler zum Training ein, 14 Akteure fehlten verletzt.

Nach neun Jahren - nur Freiburg hält es mit Trainer Volker Finke noch länger aus - hatte sich zu viel eingeschliffen, war die Beziehung zwischen Lorant und Sechzig zum Scheitern verurteilt. In der vergangenen Saison, als Lorant zur Frankfurter Eintracht wechseln wollte, verpasste Wildmoser den nötigen Schritt. Nun ist der Zeitpunkt ungünstig - drei Tage vor dem Bürgerentscheid über den geplanten Bau einer neuen Fußball-Arena im Münchner Norden, den die Sechziger mit dem FC Bayern anstreben.

Am Montag nach dem 1:5 gegen eben diesen FC Bayern, der höchsten Derby-Schlappe seit 20 Jahren, hatte Wildmoser mit Lorant "ein sehr langes, gutes Gespräch, das wir heute morgen fortgesetzt haben" (Wildmoser). Nach Aussage von Lorant dauerte dieses nur noch drei Minuten. Wildmoser, sonst eher selten vor Lorant auf dem Trainingsgelände, passte den Coach um neun Uhr ab und verschwand mit ihm im Präsidentenzimmer. "Bei mir ist alles okay, ich bin nicht enttäuscht", sagt Lorant.

Das Training um zehn Uhr leiteten schon der bisherige Kotrainer Peter Pacult, der nun zum Chefcoach aufrückt, und der Ex-Profi Gerald Vanenburg als neuer Assistent. Erst am Abend zuvor hatte Wildmoser sie informiert: Vanenburg flog noch in der Nacht aus Holland ein. Nach einem wohl bedachten Plan klingt das alles nicht. Karl-Heinz Wildmoser sieht das anders: "Wenn die beiden das nicht flottkriegen, das würde mich schon wundern." Derzeit tut mancher Satz weh beim TSV 1860 München.

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