Ein Jahr nach Enkes Tod : Im Fußball ist kein Platz für Schwäche

Als sich Robert Enke vor einem Jahr das Leben nahm, war die Betroffenheit groß. Was ist nicht alles geschrieben und geredet worden. Doch seither hat sich im Profifußball so gut wie nichts verändert – wie auch?

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Stilles Gedenken. Nach dem Tod des Nationaltorhüters Enke am 10.11.2009 wurde sein Sarg fünf Tage später bei einer Trauerfeier in der Hannoveraner Arena aufgebahrt.
Stilles Gedenken. Nach dem Tod des Nationaltorhüters Enke am 10.11.2009 wurde sein Sarg fünf Tage später bei einer Trauerfeier in...Foto: dpa

Am 10. November des letzten Jahres stellte sich der Fußballtorhüter Robert Enke auf Bahngleise – und starb. Robert Enke litt an schweren Depressionen, wie erst danach öffentlich wurde. Nach mehreren Schüben war der damals 32-Jährige für sich an eine Gabelung gelangt: Outen oder Sterben?

Enke nahm seine Erkrankung mit in den Tod. Fünf Tage, bis zur Beerdigung, trauerte die halbe Nation. Auch das Schicksal Sebastian Deislers, ein weit mehr bewunderter Fußballer, hatte viele, viele Menschen berührt. Er hatte seine Erkrankung öffentlich gemacht. „Depression ist ein hässliches Wort“, hatte im Dezember 2003 der damals 23-Jährige gesagt: „Ich möchte das nicht mehr verdrängen. Ich weiß, dass ich Depressionen habe. Ich leide unter einer Krankheit.“ Er setzte später seine Karriere für einige Zeit fort, im Januar 2007 gab Deisler entkräftet auf.

Es gibt sehr viele Menschen, die an Depressionen leiden. Bei fast jedem fünften Deutschen tritt einmal im Leben eine depressive Erkrankung auf. Etwa vier Millionen von ihnen sind behandlungswürdig depressiv. Etliche von ihnen leugnen die Krankheit und sehen nur noch in der Selbsttötung den Ausweg, die Erlösung, etwa 15 Prozent von ihnen. Einige überleben ihre Selbsttötungsversuche und schaffen den Weg zurück ins Licht.

Auch heute wird Theo Zwanziger wieder an Enkes Grab stehen und Blumen niederlegen. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes sprach vor einem Jahr zu den 40 000 im Stadion von Hannover und Millionen Fernsehzuschauern, als Enkes Mitspieler den Sarg in den Mittelkreis des Fußballfeldes trugen. Es waren feierliche Worte. Es waren Worte, die Einkehr erhoffen ließen. Eine trügerische Hoffnung.

Im Grunde hat sich seit dem Tod des prominenten Fußballers nicht viel verändert. Vor allem nicht in der Welt des Fußballs, dieser mitunter aufgeblasenen Scheinwelt, wo göttlich verdient und verehrt wird. Wo Leistung zählt und kein Platz ist für Schwäche und Schwache. Dabei kann auch der Stärkste nicht immer stark sein. Jederzeit kann sich ein Fall Enke wiederholen. Wie ließe sich ein solcher Fall auch verhindern? Es gelingt nicht einmal im Anonymen, im Alltag.

Robert Enke
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10.11.2010 07:28Nationaltorhüter Robert Enke nimmt sich am 10. November 2009 das Leben.

Leistungssport verhindert kein psychisches Leiden

Die Betroffenheit war groß vor einem Jahr. Was ist nicht alles geschrieben und geredet worden. Fernsehsender wetteiferten um die besten Nahaufnahmen der Hinterbliebenen, Trauernde wurden beim Trauern gefilmt. Doch genau solche Reflexe können Menschen krank machen. Haben am Ende vielleicht deswegen so viele getrauert, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten? Und war es danach wieder rein?

Warum soll es im Spitzensport anders sein als in der Gesellschaft? Im Durchschnitt kommt es in Deutschland täglich zu 30 Suiziden, die meisten in Folge schweren psychischen Leidens. Es ist eben nicht der Hochleistungssport per se, der die Menschen depressiv macht oder sie gar in den Tod treibt. Diese Krankheit kann jeden treffen, Schüler, Beamte, Arbeitslose.

Der Leistungssport, speziell der medienwirksame wie der Profifußball, verhindert kein psychisches Leiden. Vor allem fällt der Umgang damit unter dem Brennglas der Öffentlichkeit schwerer. Im Unterschied zum Vorstandsmitglied eines Dax-Konzerns beispielsweise ist ein Fußballprofi jung und öffentlich. Wöchentlich, ja täglich wird er von den Medien begutachtet und beurteilt. Wie schwer muss es unter diesen Umständen sein, diese Krankheit zu verbergen? Geschweige zu besiegen. Wie kann man für vier oder sechs Wochen in eine Klinik gehen, ohne dass es die Öffentlichkeit mitkriegt? Dieses Mitkriegen fürchten Betroffene am meisten. Menschen, die im Blickpunkt des öffentlichen Interesses stehen, sind oft von Versagensängsten geplagt. Die wenigsten können diese Ängste allein bewältigen. Dazu muss man nicht mal prominent sein. Viele haben schon ein Problem, sich ihren Mitmenschen mitzuteilen – aus Angst, belächelt, stigmatisiert und verstoßen zu werden. Auch deshalb wird nur etwa jede achte Erkrankung richtig behandelt. Zu oft bleiben Depressionen unzureichend therapiert oder gänzlich unerkannt.

Deislers Outing vor sieben Jahren hatte Bestürzung ausgelöst. Tagelang waren die Zeitungen voll von großen Abhandlungen zum Thema Depression. Deisler stand nach 50 Tagen stationärer Behandlung wieder auf dem Fußballplatz. Die Öffentlichkeit hatte längst andere Themen, die Beschimpfungen und Kränkungen musste Deisler aushalten. Sein Fall hat wenig bewirkt. Wie viele müssen also erst aus dem Leben scheiden?

Vor allem der Versuch Zwanzigers, am Grab eines Depressiven gleich noch das Thema der Homosexualität für den Fußball enttabuisieren zu wollen, war naiv. Die medien-gewaltigen Trauertage um Enke haben fast das Gegenteil bewirkt. Zwei oder drei Fußballer haben sich geoutet, aber wie viele sind verschreckt worden? Die aufdringliche Nähe, die Enkes Tod begleitete, möchte niemand haben.

Für den Profifußball muss das nicht mal schlecht sein, zumal dort prozentual nicht mehr Menschen von Depressionen betroffen sind, als es in der Allgemeinbevölkerung der Fall ist. Profifußballer gehen früh durch eine ständige, feinmaschige Selektion. Besonders anfällige Menschen steigen weit eher aus. Bis heute ist es nicht empfehlenswert, sich zu outen. Es gibt kein tragfähiges Verständnis und keine Akzeptanz für diese Krankheit. Wichtig ist, dass Betroffene sich ihren Nächsten anvertrauen und sich anonym behandeln lassen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Medikament wirkt, liegt heute bei 50 bis 70 Prozent. Regelmäßige Medikation und begleitende Therapie schützen Betroffene erfolgversprechend vor Neuerkrankungen. Es gibt keine Alternative dazu.

Ein Outen bei gleichzeitiger Fortsetzung der Karriere ist unmöglich. Sebastian Deisler hatte den Mut und die Kraft dazu, was ihn vermutlich vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Doch seinen Beruf konnte er nicht mehr ausführen. Deisler hat mit 27 Jahren gekündigt und lebt heute scheu und zurückgezogen.

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