Sport : Ein Jahr vor Sydney packt ihn der Ehrgeiz

Dietmar Wenck

Als Natascha Keller am Mittwoch die Hockeyanlage des Berliner HC an der Wilskistraße betrat, musste sie sich sehr wundern. Da übte ein junger Mann, von dem sie das nie erwartet hätte, ganz allein und sehr konzentriert Strafecken. Geschlenzte. Eher hätte sie gedacht, dass er irgendetwas tut, was ihm mehr Spaß macht. So wie sie das von ihrem Bruder Florian gewohnt war. "Aber", stellt die 21-Jährige fest, "der ist sehr motiviert neuerdings. Vorher war er nicht so ehrgeizig." Sondern ein Spieler, dem alles mit scheinbarer Leichtigkeit gelang, wenn es um Hockey ging.

Seit Florian ein kleiner Junge war, schoss er Tore wie am Fließband. Kein Wunder bei der Familien-Geschichte, die bekannt sein dürfte: Opa Erwin gewann Olympia-Silber (1936), Vater Carsten (1972) Gold und Bruder Andreas (1984/1988/1992) Silber, Silber, Gold. Auch seine vier Jahre ältere Schwester Natascha ist Mittelstürmerin der Nationalmannschaft, gerade Vize-Europameisterin geworden und liegt in der Bundesliga-Torschützenliste momentan an erster Stelle. Florian ist bei den Männern mit elf Treffern in neun Spielen Zweiter. Mit seinen 17 Jahren ist er vor des Gegners Tor abgebrüht und kalt genug, die routinierte Verteidiger-Konkurrenz immer aufs Neue zu überrumpeln. Ein Vollstrecker mit extremem Ballgefühl, sagt Landestrainer Friedel Stupp.

Killer-Instinkt? Oder Keller-Instinkt? Von allen Kellers, sagen Experten, sei Florian der Talentierteste. Aber noch vor kurzem war für ihn Hockey nur Spaß, nichts, wofür man sich quält. Bis Bundestrainer Paul Lissek in sein Leben trat. Inzwischen hat Florian Keller 25 Länderspiele bestritten und scheint begriffen zu haben, dass man auf einem gewissen Niveau ohne Fleiß nicht weiterkommt. Am vergangenen Sonntag wurde er mit zwei weiteren Berlinern, Tibor Weißenborn (BHC) und Tobias Hentschel (SCC), Feldhockey-Europameister in Padua. Weißenborn und Keller verwandelten im Finale gegen Holland je einen Siebenmeter.

"Irre eigentlich", fand Keller sein italienisches Erlebnis. Seine internationale Karriere hat gerade begonnen, und zum ersten Mal muss er lernen, sich als Einwechselspieler zu behaupten. Er hat viel trainiert, ist seinen Baby-Speck losgeworden, ein richtiger Athlet. "Ich bin selber gespannt, wie er spielt", sagt sein Vater. Carsten Keller ist Trainer beim BHC, der morgen (16.30 Uhr, Wilskistraße) in der Bundesliga die Stuttgarter Kickers empfängt. Mit einem Sieg wären die Aufsteiger aus Berlin nicht mehr in Abstiegsgefahr und könnten auf die Play-off-Teilnahme hoffen. Um dieses Ziel zu erreichen, steigt sogar Andreas Keller nach überstandenem Fingerbruch noch einmal ein. Zum ersten Mal bestreiten die beiden Brüder morgen gemeinsam in Berlin ein Bundesligaspiel. Das war für beide seit langem ein Traum der Sorte "vielleicht irgendwann". Immerhin 17 Jahre trennen sie. "Endlich schaffen wir es", freut sich Florian, dessen Motivation groß ist: "Jetzt will ich auch mit dem BHC was erreichen."

Es gibt noch ein größeres Ziel: Sydney. Seinen Realschulabschluss hat Florian Keller gemacht, nun erwarten ihn zwei Monate Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Die Ausbildung zum Bürokaufmann beim Landessportbund muss wegen der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele warten. Dazu zählen diese Ecken. 40 000 davon, hat Lissek angeordnet, soll Florian Keller den Winter über schlenzen. Wieviel sind das pro Tag? "Keine Ahnung", sagt Keller, "es ist ja auch noch gar nicht Winter." Sicherheitshalber hat er trotzdem schon mal angefangen.

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