Sport : Ein Jahrhundert sucht neue Helden

Ernst Podeswa

Berliner Sportler reißen seit 100 Jahren ihr Publikum zu Begeisterungsstürmen hin - doch manchmal reichte nicht einmal das aus, um ihr Leben zu rettenErnst Podeswa

100 Jahre Berliner Sport - ein Rückblick. An Hand von Episoden über Zeitzeugen, Persönlichkeiten und Originalen soll ein wenig von dem vermittelt werden, was sich in Stadien und Sportstätten ereignet hat.

Gedenktafel für 12 Weltmeister

Anfang der "Goldenen Zwanziger" entwickelte sich Berlin geradezu eruptiv zu einer Sportmetropole. Der Sportpalast an der Potsdamer Straße mutiert zur Kultstätte: Sechstagerennen, Eislaufen, Boxkämpfe. Kurt Tucholsky schreibt hymnische Geschichten über den "Sechstage-Nudeltopp". Bert Brecht rühmt die Faszination des Faustkampfes in Gedichtform: "Gedenktafel für 12 Weltmeister". Die Zeit nach dem Inferno des Ersten Weltkriegs sucht neue Helden.

Einer stößt 1928 ins Rampenlicht. Max Schmeling, Jahrgang 1905, aus Klein-Luckow (bei Prenzlau) bezwingt im Sportpalast Franz Diener nach 15 Runden im Kampf um die Deutsche Schwergewichtsmeisterschaft. Vor wenigen Tagen kürten die deutschen Sportjournalisten Schmeling zum nationalen "Sportler des Jahrhunderts".

Am 31. Oktober 1948 gibt Schmeling, nun 43-jährig, bei Schneetreiben in der Waldbühne seine letzte Vorstellung im Ring. Er verliert gegen Riedl Vogt. Am Ende stehen 70 Kämpfe mit 56 Siegen, zehn Niederlagen und vier Unentschieden. 1930 in New York schafft er das, was einem Deutschen vor und nach ihm nie wieder gelingt: Er wird gegen Jack Sharkey Profi-Boxweltmeister aller Klassen - allerdings durch Disqualifikation wegen Tiefschlags. Als eine der größten Box-Sensationen des Jahrhunderts werten US-Fachleute seinen Triumph 1936 gegen den "braunen Bomber" Joe Louis. Dies ist aber nur die eine Seite der Verehrung für den bei Hamburg lebenden Schmeling. Der totalen Vereinnahmung durch die Nazis widerstand er und trennte sich nicht von seinem jüdischen Manager Joe Jacobs, half Familien auf der Flucht vor Nazihäschern.

Nach dem Mauerfall heißt er die ostdeutschen Boxer Henry Maske und Axel Schulz demonstrativ als seine Nachfolger im wieder vereinten Deutschland willkommen. Schmelings Motto: "Man kann und muss die Vergangenheit nett finden, muss in der Gegenwart leben und an die Zukunft glauben."

Ich bin wieder hier, er nicht

Olympische Spiele 1936 in Berlin. In Reetz, 70 km östlich von Stettin, hängt ein 13-jähriger Steppke Tag für Tag am Radio, verfolgt gebannt das Geschehen. Das Fernsehen ist gerade erfunden - aber nur in Berlin in einigen Postämtern zu bestaunen.

"Ich habe mich geradezu gegrämt, dass ich das nicht mit eigenen Augen sehen konnte", erzählt Ekkehard zur Megede, einer der profiliertesten Leichtathletik-Kenner und -Journalisten in Deutschland. "Besonders das, was im Olympiastadion passierte, hat mich fasziniert und meine Leidenschaft für die Leichtathletik geweckt." Die Nazis, anfangs gegen die Ausrichtung der Spiele, nutzen die Gunst der Stunde und inszenieren das perfekte potemkinsche Dorf von Freiheit und Offenheit. Dazu kommt Leistungsstärke - die Gastgeber stehen in der Medaillen-Nationenwertung ganz vorne. Doch der überragende Athlet des bedeutendsten Sportereignisses im zurückliegenden Jahrhundert in Berlin kommt aus den USA. Jesse Owens gewinnt Gold über 100 m, 200 m, mit der 4x100-m-Staffel und im Weitsprung. Von 1896 bis heute kann es ihm nur Carl Lewis 1984 in Los Angeles gleich tun.

1936 werden die ersten Olympiasieger in der Führerloge vorgestellt. Das IOC schreitet ein, Empfänge beim Staatsoberhaupt seien nach IOC-Statut nicht statthaft. Hitlers Berater sind empört, halten aber still. Und sind erleichtert, weil so ein möglicher Eklat vermieden wurde. Denn hätte der "Führer" dem Schwarzen Owens den Handschlag verweigert, wäre die Perversion des Regimes weltweit publik geworden.

In den 80er Jahren kommt Owens mit dem berühmten Regisseur Greenspan wegen Dreharbeiten zum Film "Jesse Owens returns to Berlin". Megede darf Owens eine Woche exklusiv begleiten. Als er den prominenten Gast nach Hitler befragt, sagt Owens nur: "Ich bin wieder hier - er nicht." Die Jesse-Owens-Allee am Olympiastadion erinnert an den 1980 verstorbenen Helden der Spiele von 1936.

Keiner hört nach 100 m auf

Grunewald-Stadion 1921. Lange Leinen markieren den Weg der 100-m-Läufer. Dann jagt das Feld davon. Im Ziel ist der große Favorit Richard Rau bei den Berlin-Brandenburgischen Meisterschaften geschlagen. Von einem Läufer, der wie Rau das große C des SC Charlottenburg auf dem Hemd trägt.

Hans Senftleben erinnerte sich 76 Jahre später detailliert an diesen Moment. Rau war damals eine Berühmtheit - 16-facher Deutscher Meister, Rekordhalter. Das war Senftleben nie vergönnt. Doch einer der besten deutschen Sprinter war er durchaus - und ein Sport-Zeitzeuge des Jahrhunderts wie kein zweiter. Als er am 1. April 1997 mit 200 Gästen beim Landessport-Bund seinen 100. Geburtstag feierte, da war er älter als der Deutsche Leichtathletik-Verband, älter als sein SC Charlottenburg. Er überlebte zwei Weltkriege und zwei Gefangenschaften: "Der Krieg hat mir meine beste sportliche Zeit genommen. Doch in der Leichtathletik, da ging es damals nur um Sieg und Ruhm und nicht ums Geld."

1998 eröffnete er als Ehrengast die Deutschen Meisterschaften im Jahn-Sportpark. "Kein 100-m-Läufer kommt nach 100 m zum Stehen. Das passiert frühestens nach 110 m", sagte man. So alt ist er dann doch nicht geworden. Am 16. September 1998 konnte er seinen Spruch am Telefon nicht mehr sagen: "Ich lebe immer noch."

Ehrengäste als Reichsfeinde

Der Deutsche Luz Long liefert Owens 1936 einen großen Kampf um olympisches Weitsprung-Gold, wird erst im vorletzten und letzten Versuch (8,06 m/Olympischer Rekord) vom US-Amerikaner übertroffen. Beide werden Freunde. Noch von der Front schreibt sich Long mit Owens. Long fällt 1943 auf Sizilien, geopfert auf dem Altar des Größenwahns. Wie der 800-m-Weltrekordler Rudolf Harbig und viele andere deutsche Spitzensportler, die sich der Wehrmacht nicht entziehen wollten oder konnten.

Noch drastischer wird die Unmenschlichkeit der Faschistenherrschaft an anderen Schicksalen deutlich. So gehörten die Berliner Cousins Alfred und Gustav Felix Flatow zu den ersten deutschen Olympiasiegern 1896 in Athen. 1936 wurden die Turner als Ehrengäste eingeladen. Sechs Jahre später war das vergessen. Die Sportler jüdischer Abstammung wurden zu "Reichsfeinden" erklärt. Die Deportation ins KZ Theresienstadt bedeutete für beide das Ende. Seit dem 6. September 1989 ist die Flatow-Sporthalle in Kreuzberg ihrem Gedenken gewidmet.

Die Vernichtung der Juden war erstes Ziel der Nazis - als zweiter Hauptgegner galten ihnen die Kommunisten. Wie der Arbeitersportler Werner Seelenbinder. Seit 1928 Mitglied der KPD, stieß der Deutsche Meister im Ringen 1933 zu einer illegalen Widerstandsgruppe. 1936 will er als Goldmedaillengewinner bei der Siegerehrung den Hitlergruß verweigern. Doch der Halbschwergewichtler wird nur Vierter. 1942 fliegt die Widerstandsgruppe durch Verrat auf. Seelenbinders langer Leidensweg durch Gefängnisse und Zuchthäuser beginnt. Doch er verrät keinen und wird am 24. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Die größte Sporthalle im Ostteil Berlins wurde nach ihm benannt, im Westen gab es alljährlich eine Kranzniederlegung. Sein Urnengrab mit Gedenkstein befindet sich im Stadion Neukölln.

Assistent Rastellis

Wer war der populärste und erfolgreichste Fußballer, den Berlin je erlebt hat? Nach 1945 Helmut Faeder oder Erich Beer im Westteil - "Moppel" Schröter oder Otto Fräßdorf im Ostteil?

Mitnichten. Keiner erreichte die Berühmtheit von Hanne Sobek: Geboren 1900 im Dörfchen Mirow am Müritzsee als Paul Friedrich Max Johannes Wiechmann. Mit zehn Jahren zieht er mit seiner Mutter nach Berlin. Die heiratet einen Herrn Sobek. Nach dem Tod der Mutter kam ans Tageslicht, dass Sobek mit "ck" richtig war. Seine Vereinsstationen in Berlin waren Bavaria 09, Alemannia 90 und seit 1925 Hertha BSC. Als Halbstürmer bestritt er 1923/25 seine ersten von insgesamt zehn Länderspielen. Seinerzeit zusammen mit Sepp Herberger, der später das Trikot von Tennis Borussia trug.

Als Hertha-Kapitän begeisterte Sobek die Massen durch Können und Auftreten gleichermaßen. Man rühmte Übersicht, taktisches Geschick, Einsatz, seine faire Haltung. Sechsmal kam Sobek mit den Blau-Weißen ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, die 1931 und 1932 von Hertha gewonnen wurde. Doch Sobek war mehr als nur ein Idol des Fußballs, damals gesellschaftlich als Proletensport noch am Rande. Er stand im Film "Elf Teufel" vor der Kamera, assistierte im Varieté Wintergarten dem Jongleur Rastelli. Im Lokal "Bei Peltzer" sah man ihn zusammen mit dem Dichter Joachim Ringelnatz, dem Flieger Ernst Udet oder seinem Freund Hans Albers. Sobek schaffte den Sprung vom profanen Kicker zum akzeptierten Mitglied der höheren Gesellschaft.

Von 1938 bis 1945 arbeitete Sobek nach Sprachkursen als Sportreporter beim Berliner Rundfunk, und konnte sich den Werbeversuchen der Nazis entziehen. Als Trainer nach 1945 vermochte er nicht an seine Aktiven-Glanzrolle anzuknüpfen - mit der Stadtauswahl, Union 06 und von 1960 bis 1963 bei seiner Hertha. Von Juli 1965 bis Juli 1967 stellte sich Hanne Sobek als Hertha-Präsident in schweren Zeiten (Bestechungsskandal) zur Verfügung. Sportjournalist Günter Weise formulierte nach Sobeks Tod im Februar 1989: "Das Leben des letzten Repräsentanten einer versunkenen Zeit hat sich erfüllt ...".

Dirigent vom Heuboden

In den 20er Jahren waren Radarenen in Berlin die Renner. Fünf Stück wurden binnen kurzem auf märkischen Sand gesetzt. Sie waren mehr als ein Nudeltopp. Denn hier ging es auch sonst rund. Vom Frühjahr bis zum Herbst, Woche für Woche war hier volksfestartiger Trubel angesagt.

Reinhold Habisch, 18-jährig, probierte eines dieser Rennräder aus. Da passierte es auf der Großen Frankfurter: er kam unter die Räder einer Straßenbahn und verlor ein Bein. Doch die nunmehr passive Leidenschaft - wegen eines Holzbeins - für den Radsport blieb. Er wurde Stammgast bei den Sechstagerennen im Sportpalast. Und als solcher - vom Heuboden unterm Dach aus - alsbald ihr Dirigent. "Krücke" - so rief man ihn wegen seiner Gehhilfe - entzückte das Publikum mit spontanen Zwischenrufen und Liedchen aus dem Stegreif. Aus dem Wiener Praterleben wurde dank seiner Begleitpfiffe der berühmte Sportpalastwalzer. "Herr Prenzel, bitte ans Telefon", rief er von oben in den Boxring, als jener im Ringstaub lag. Und justament durch den brausenden Beifall ins Leben zurückkehrte. Da hatte Krücke längst - als unbezahlter Entertainer - freien Zutritt zum Heuboden. Zu seiner Hochzeit in einer Kreuzberger Kneipe erschienen 84 Gäste - von Fritzi Massary bis zum Polizeipräsidenten. Sie alle mochten Krücke - ein Original dieses Sportjahrhunderts, verstorben 74-jährig 1964.

Zwei rote Rosen für 2 m

Bis 1961 konnten ihn auch Besucher aus dem Ostteil erleben. Dann folgte der drastische Einschnitt im Sportleben Berlins durch den Mauerbau. In Ost-Berlin wurde, gemäß dem Anspruch DDR-Hauptstadt, die Hochburg des DDR-Leistungssports installiert. Ergänzt durch eine Fülle hochkarätiger Veranstaltungen: Weltfestspiele, Spartakiaden, Europa- und Weltmeisterschaften. Der Westteil wehrte sich gegen die Versuche der Warschauer-Pakt-Länder, Berlin-West vom Bundesgebiet abzuschnüren.

Dass dies nie gelang, ist auch solch sportlichen Großereignissen wie den DFB-Pokalendspielen, dem Berlin-Marathon oder dem Internationalen Stadionfest (Istaf) zuzuschreiben. Am Beispiel Rosi Ackermanns aus Cottbus wurde die ganze Unnatürlichkeit der Teilung deutlich. Am 26. August 1977 passierte sie mit Visum die Grenze und wurde vom Istaf-Direktor Rudi Thiel mit zwei roten Rosen begrüßt. Wenige Stunden später überwand die Hochspringerin, zuvor schon Europameisterin und Olympiasiegerin, im Olympiastadion als erste Frau der Welt die 2-m-Marke. Weltrekord! "Mädel, hast du schon mal den Funkturm und den Kudamm gesehen", fragte ein leutseliger Taxifahrer die Ostdeutsche auf dem Rückweg. Als jene verneinte, entschied der Droschkenkutscher: "Na, dann machen wir eine kleine Extratour Berlin bei Nacht". Dem sie begleitenden DDR-Funktionär war das nicht geheuer, sein Auftrag lautete Rückkehr bis 24 Uhr.

20 Jahre danach, 1997, war die Cottbusserin Ehrengast des Istaf und wurde von Thiel wiederum mit zwei Rosen empfangen. Die Frage nach der Rückkehrzeit stellte sich nicht. Die Mauer - sie existierte da nur noch in manchen Köpfen.

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