Sport : Ein Jungstar entdeckt sich neu

Jörg Allmeroth

Der Russe spielt sich aus der Krise in die Rolle des Geheimfavoriten für Hamburg und ParisJörg Allmeroth

Die stolzen Spanier hat er in zwei Wochen jüngst besonders gereizt: Entgeisterte Fans und enttäuschte Lokalmatadoren ließ der russische Jungstar Marat Safin bei seinem Siegeszug Anfang Mai in Barcelona und Mallorca zurück. Safin sorgte mit seinen Titelgewinnen in der katalonischen und der balearischen Metropole für traurige Gesichter bei der spanischen Tennis-Armada um Corretja, Moya, Ferrero und Co. Keiner der spanischen Court-Matadore blieb im Zuge der 14-tägigen Erfolgskampagne von der unwiderstehlichen Kraft des Zwei-Meter-Hünen aus Moskau verschont. Gestern bekam diese ein weiterer Spanier, Albert Costa, beim ATP-Turnier in Hamburg zu spüren.

"Ich schwebe momentan wie auf einer Wolke über dem Boden", sagt Safin, der aus den Tiefen einer persönlichen und sportlichen Krise ein gleichsam sensationelles Comeback schaffte. Noch vor einigen Wochen nahe dran, den Schläger an die Wand zu nageln, gehört "Super-Safin" (El Diario) mit einem Mal sogar zu den Geheimfavoriten für das Hamburger Turnier und für die French Open in Paris. "Ich bin in der Form meines Lebens", sagt der 20-jährige, "ich habe im Moment vor niemandem Angst."

Dabei musste sich in den vergangenen sechs Monaten niemand auch nur im geringsten vor Safin fürchten, der völlig auf die schiefe Bahn geraten war. "Ich hatte plötzlich Angst und überhaupt kein Selbstvertrauen", erzählt Safin, "ich wusste einfach nicht mehr, wie man erfolgreich Tennis spielt." Hätte sich bis zum Jahresende nichts an der Situation geändert, sagt Safin, "wäre Schluss gewesen. Ich hätte es nicht ertragen können, weiter so herumzulaufen."

Wochenlang hatte Safin Mühe, auch nur ein einziges Spiel zu gewinnen. Bei den Australian Open wurde der Russe sogar vom Weltverband ITF dafür bestraft, dass er seine überaus kurze Erstrunden-Partie in drei glatten Sätzen "verschenkte" - als erster Spieler in der Tennis-Geschichte überhaupt.

Safin verdankt den Umschwung der letzten Wochen seinem Landsmann Andrej Tschesnokow. Der stoische Moskowiter war der erste Russe, der Ende der 80er Jahre im Profitennis in die Spitze rückte und in Paris ins Finale vorstieß. Zuerst wies Tschesnokow alle Avancen von Safin zurück. Schliesslich erlag der Altmeister doch dem Bitten und Betteln aus dem Lager des jungen Profis: "Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal als Coach arbeiten würde", sagt Tschesnokow, der den Job nur unter einer eindeutigen Geschäftsgrundlage annahm: "Marat tut das, was ich von ihm verlange. Ohne jede Ausnahme."

Die viel zu legere und lässige Haltung des unernsten Profis legte Tschesnokow gleich bei der ersten Trainingseinheit bloß. Tschesnokow änderte auch den brachialen Stil Safins, der bis dahin auf jeden Ball mit verzweifelter Wucht gehämmert hatte. Tschesnokows Rat: "Den Ball schön tief spielen, aber nicht den Mumm und Mut verlieren." Mit der kontrollierten Offensive kamen die Erfolgserlebnisse für Safin zurück. "Ich will keine Memme, sondern einen Mann auf dem Platz sehen", sagte der Coach. Die Probe aufs Exempel kam gleich zu Beginn der neuen Allianz, im Zweitrundenspiel in Barcelona gegen den Argentinier Mariano Puerta. Safin hatte den ersten Satz im Tiebreak verloren, früher für ihn eine Gelegenheit, das Spiel schnell laufen zu lassen. Doch an diesem Tag fightete Safin zurück, gewann den zweiten Durchgang 7:6 und den dritten Satz mit 6:4. Anschliessend kam Tschesnokow zu Safin in die Kabine, schüttelte ihm die Hand und erklärte ungewohnt feierlich: "Jetzt bist du ein Mann geworden." Einer, der für Siege immer und überall gut ist. Nicht nur in Barcelona oder Mallorca, sondern auch in Hamburg und demnächst in Paris.

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