Sport : Ein Kader voller Stars

Bei der Handball-WM in Deutschland gilt Europameister Frankreich als Favorit

Erik Eggers

Berlin - Das Testspiel in Skjern war verloren, mit 25:28 gegen den EM-Dritten aus Dänemark. Doch die Niederlage kurz vor dem Start in die Handball-WM in Deutschland (19. Januar bis 4. Februar) nahm Frankreichs Coach Claude Onesta mit Gelassenheit zur Kenntnis. „Wir sind voll im Plan, über das nackte Ergebnis in einer solchen Partie mache ich mir sowieso keine Gedanken“, sagte der Trainer der Equipe Tricolore. So stimmte Onesta auch keine Lobeshymnen an, als gegen denselben Gegner 24 Stunden später mit 30:23 (14:8) die Revanche gelang.

Noch vor einem Jahr hätte der 49-Jährige zumindest nach der Niederlage mit Sorgenfalten reagiert. Die neue Lässigkeit hat sich der stets sehr vornehm gekleidete Coach Anfang Februar 2006 in Zürich erworben – als Frankreich nach einem triumphalen 31:23 gegen Weltmeister Spanien die Europameisterschaft gewann. „Wir haben nacheinander Europameister Deutschland, Olympiasieger Kroatien und Weltmeister Spanien geschlagen, wir sind eine große Mannschaft“, sagte damals der Kieler Nikola Karabatic, mit zehn Toren die entscheidende Figur im Zürcher Hallenstadion. Seitdem strotzen die französischen Handballer vor Selbstvertrauen.

Dieser Titel war speziell für Trainer Onesta wichtig. Anders als in Deutschland, wo allein Heiner Brand die Mannschaft bestimmt, mischen nämlich die französischen Handballfunktionäre traditionell bei der Aufstellung mit. Durch den EM-Gewinn ist Onestas Position gestärkt. In den Jahren zuvor war Kritik am Coach laut geworden, da sein sensationeller Schachzug, den alternden Weltstar Jackson Richardson für die WM 2005 zum Comeback zu überreden, in Tunis nur mit Bronze belohnt worden war. Nach den WM-Titeln von 1995 und 2001 waren die Ansprüche in Frankreich ins beinahe Unermessliche gewachsen. In Zürich hat der Systemfanatiker Onesta bewiesen, dass er ein ebenso guter Trainer ist wie sein Vorgänger Daniel Constantini – und hat seitdem entsprechend Ruhe.

Nach Ansicht aller neutralen Handballbeobachter können die Franzosen auf den besten Kader aller WM-Teams zurückgreifen – und gelten daher noch vor Titelverteidiger Spanien als der Topfavorit für das in der kommenden Woche beginnende Großereignis. „Sie haben überragende Individualisten im Rückraum“, schwärmt nicht nur Bundestrainer Heiner Brand. Neben dem manchmal noch etwas ungestümen Karabatic meint er damit das 27 Jahre alte Sprungwunder Daniel Narcisse, der bei Gummersbach zum Mittelmann umgeschult wurde und eine überragende Hinserie in der Bundesliga spielte. Auch der 29 Jahre alte Halblinke Jerome Fernandez vom FC Barcelona gehört zu den Weltbesten seiner Zunft. Allein die erfahrenen Linkshänder im Rückraum, der Magdeburger Joel Abati (36) und der Ex-Gummersbacher Cedric Burdet (32), stellen nicht allerhöchste Güte dar – bringen aber viel Erfahrung mit.

Der mit Klassespielern besetzte Rückraum ist ein Schlüssel zum Erfolg, aber auch die anderen Positionen sind im französischen Team exzellent besetzt. Der schmale Rechtsaußen Luc Abalo hat beim spanischen Champions-League-Sieger Ciudad Real unterschrieben, auch die Linksaußen Oliver Girault und Michael Guigou stellen Weltklasse dar. Thierry Omeyer, bester Torhüter der letzten EM, hat beim THW Kiel keinen Geringeren als Henning Fritz, einen Welthandballer des Jahres, verdrängt. Und mit dem Hamburger Bertrand Gille wühlt ein ehemaliger Welthandballer am Kreis. In der zweiten Reihe stehen mit Guillaume Gille, Kreisläufer Christophe Kempe und Torwart Karaboué weitere Topleute.

Das Prunkstück indes ist die aggressive und für jeden Angriff äußerst anstrengende offensive 3:2:1-Abwehr, die Onesta bevorzugt. In deren Zentrum steht mit Didier Dinart (Ciudad Real) einer der gefürchtetsten Abwehrspieler der Welt. „Unsere Deckung ist die beste Waffe“, glaubt Bertrand Gille. Ob sie erneut zum Erfolg verhilft, darüber werden auch die Auslegungen der Schiedsrichter entscheiden. Nicht nur Brand ärgert sich bisweilen darüber, dass die Fouls, die nicht in Tornähe begangen werden, weniger hart bestraft wurden. Das bevorteilte bisher Teams wie Frankreich. Aber auch bei einer strengeren Regelauslegung bleibt Frankreich der Maßstab für alle Teams, die Weltmeister werden wollen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar