Sport : Ein Kampf gegen sich selbst

Der HSV hat einen zu starken Gegner: den HSV

Richard Leipold

Bochum - Manchmal wirkt Thomas Doll wie ein angehender Bankrotteur. Der Cheftrainer des Hamburger SV versucht mit einem gewissen Charme, seinen Gläubigern immer neue Kredite abzuschwatzen. Dabei ist seine Bilanz erschreckend: Der HSV hat nur eines der zurückliegenden 23 Pflichtspiele gewonnen. Nach dem 1:2 in Bochum räumte er sogar ein, dass die Spieler „zu wenig investiert haben“. Aus Mangel an Argumenten reduzierte Doll die Lage des Tabellenvorletzten auf eine Glaubensfrage. „Die Spieler müssen an sich glauben, und wir müssen an die Mannschaft glauben.“ Sätze wie diese wiederholt er Woche für Woche. Immerhin reichte seine Überzeugungskraft 90 Minuten nach Spielende gerade noch aus, eine aufgebrachte Menge dazu zu bewegen, die Blockade des Parkplatzes aufzuheben, damit der HSV-Bus abfahren konnte. Trotzdem ist Dolls Charme morbide geworden.

Der schwerste Gegner des HSV heißt inzwischen HSV und nicht VfL oder sonst wie. Den Hamburgern genügte in Bochum schon der Ausgleich, um sorglos, zeitweise antriebslos und fast durchweg ideenlos ins Leere hinein zu kombinieren. „Es hat der Biss gefehlt, das zweite Tor zu machen“, sagte Doll. Zudem flog auch noch Rafael van der Vaart nach einem üblen Foul an dem Bochumer Stürmer Tommy Bechmann mit Rot vom Platz. Der Kapitän wird eine vom Verein verhängte Geldbuße bezahlen und, vielleicht schlimmer, mit dem Vorwurf leben müssen, sein Team zusätzlich geschwächt zu haben. Die Zahl der Verletzten erreicht bald Mannschaftsstärke, aber auch das ist kein Argument. Selbst in der Besetzung von Bochum müsste der HSV gegen einen Aufsteiger wie den VfL mehr als vier Chancen erarbeiten. So ein Foul dürfe van der Vaart nicht begehen, sagte Doll, „schon gar nicht als Kapitän, das werden wir nicht dulden.“ Diese Art der Kritik ist eine Ausnahme bei Doll. Meist sagt er immer noch „wir“, wenn er die Versäumnisse der Spieler analysiert, offenbar in der Hoffnung, Bestandteil eines Solidarpakts zu sein.

Sein Elend ist inzwischen oft seziert worden. Der Trainer ist das gewohnt, andere sind es offenbar nicht. Um das Ausmaß des Schreckens zu erkennen, hätte es genügt, sich Dietmar Beiersdorfer anzuschauen. Der Sportdirektor gab das schlimmere Bild ab. Als wäre er aus dem Reich der Schatten aufgetaucht, sagte er stammelnd, für ihn habe sich „nichts geändert“. Der Klub werde an Doll festhalten, mindestens bis zur Winterpause. Beiersdorfer wollte sogar gesehen haben, dass der HSV gefightet habe, um dann doch zu beklagen: „Aber man stellt sich vor, dass es einen Fight über dem Fight gibt.“ Was immer das sein mag, der HSV ist weit davon entfernt.

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