Sport : Ein Königreich für ein Talent

Die Hoffnungen der britischen Tennisgemeinde ruhen auf dem 18-jährigen Andrew Murray

Benedikt Voigt[London]

Die Tauben in Wimbledon haben es nicht einfach. Mehrmals pro Jahr besucht ein Falke namens Hector die Tennisanlage im Londoner Stadtteil SW 19. Er kommt mit dem unfreundlichen Auftrag, ihre Zahl dauerhaft zu reduzieren. Haben die Tauben dies lebendig überstanden, kommen andere ungebetene Gäste. In den letzten beiden Juni-Wochen stören bis zu 450 000 Menschen die Stille auf der weitläufigen Tennisanlage. In der vergangenen Woche war die Unruhe bei den Spielen des schottischen Teenagers Andrew Murray besonders schlimm. Hatten sich ein paar Tauben auf dem Dach des Centre-Courts niedergelassen, konnte sie erleben, wie schnell sich die verblüffende Stille von 13 800 Zuschauern in tosenden Lärm verwandeln kann. „Come on Andy“, schrien sie wie aus einer Kehle. Aufgeschreckt flattern die Tauben davon.

Es war eine bemerkenswerte Hysterie, die Wimbledon in der vergangenen Woche erfasst hat. Der Hügel vor der Videowand an Platz eins wurde in „Murray Mount“ umbenannt, weil dort tausende Tennisfans Andrew Murrays Spiele verfolgten, die Zeitung „Daily Mail“ schrieb gar von einer „Murraymania“. Großbritannien hat einen neuen Helden entdeckt. Nach der Niederlage in der dritten Runde gegen David Nalbandian (7:6, 6:1, 0:6, 4:6, 1:6) wird er in diesem Jahr zwar nicht den ersten britischen Wimbledon-Sieg seit Fred Perrys Sieg 1936 erringen können. Aber er ist einer, der Hoffnung auf eine bessere Zukunft weckt.

Der Engländer Tim Henman schürt seit zwölf Jahren die Erwartungen seiner Landsleute, viermal schien er im Halbfinale einem großen Erfolg auch nahe, doch er enttäuschte seine Landsleute jedes Mal. Inzwischen trauen ihm nicht mehr viele zu, die Wartezeit beenden zu können. Am Donnerstag schied Henman erst gegen den Russen Dimitri Tursunow aus, dann schlug der 18-jährige Murray den an Nummer 14 gesetzten Tschechen Radek Stepanek in der zweiten Runde. Kaum eine britische Zeitung fiel am nächsten Tag nicht die Redensart ein: „Der König ist tot, es lebe der König.“ Es war der Tag, an dem der einstige „Henman Hill“ mit der Videowand endgültig zum „Murray Mount“ wurde.

Es ist ein unerfahrener Thronfolger, den sich Großbritannien ausgesucht hat. Bei den Turnieren in Queens und Wimbledon hat er seine ersten sieben Matches auf der ATP-Tour gespielt. Er sucht noch einen Trainer und ist körperlich noch nicht fähig, mit den Großen der Branche mitzuhalten. Das zeigte sich deutlich gegen Nalbandian, als er sich mehrfach wegen Krämpfen behandeln lassen musste und den dritten Satz aus taktischen Gründen herschenkte. Technisch und mental aber hat der Sieger des Juniorenturniers der US Open 2004 großes Potenzial. „Was für ein Debüt“ schwärmte der zweimalige Wimbledonsieger Jimmy Connors nach dem dramatischen Aus, „er hat eine große Zukunft“.

Die Sehnsucht nach einem neuen Helden ist so groß, dass die Engländer dem schmächtigen Jungen sogar seine schottische Herkunft verzeihen. So sehr, dass sein Onkel Niall Erskine gegenüber der „Times“ seine Herkunft betont. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Andy ist nicht antibritisch oder antienglisch, aber er ist erst Schotte und dann Brite.“ So kommt es, dass die Fans bei Murrays Spielen die Fahne mit dem Georgskreuz zu Hause lassen. Und den Union Jack herausholen.

Für den britischen Tennisverband (LTA) tritt der neue Held gerade rechtzeitig auf. In den vergangenen zehn Jahren steckte die LTA 450 Millionen Euro in die eigene Nachwuchsarbeit. Ohne nennenswerten Erfolg. Nun kann sich der Verband wenigstens auf Murray berufen. Doch dieser ist kurioserweise auch kein Produkt des englischen Verbandes. Seinen größten Leistungssprung macht er, seit er vor einem Jahr in das Tenniscamp von Emilio Sanchez in Barcelona zog.

Nun ruhen große Erwartungen auf Murray. In der „Sunday Times“ erschien eine Karikatur, in der eine Passant die Schlagzeile „Murray verliert“ kommentiert: „Er könnte der nächste Tim Henman werden.“ Genau das aber, so hoffen alle britischen Tennisfans, soll nicht passieren.

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