Sport : Ein Kontinent als Gastgeber

Die Infrastruktur fehlt, aber die Botschaft gibt es schon: Die WM 2010 in Südafrika soll eine Veranstaltung von ganz Afrika werden

Esther Kogelboom

Berlin – Wie erzeugt man Vorfreude auf die WM 2010, kurze Zeit, bevor das Finale der WM 2006 abgepfiffen ist? Die Südafrikaner probieren es mit Insekten. Noch bevor Fifa-Präsident Joseph Blatter die Bühne einnimmt, noch bevor Staatspräsident Thabo Mbeki neue Superlative abfeuern und UN-Generalsekretär Kofi Annan alte zitieren wird, flirrt nur das monotone Surren der Zikaden durchs Tempodrom am Anhalter Bahnhof. Vom Band.

Dabei geht es während der „Africa’s-Calling“-Feierstunde am Freitag eigentlich nur um die möglichst spektakuläre Präsentation des Logos für die Weltmeisterschaft 2010, an dessen Entwicklung ein Jahr gearbeitet wurde – es zeigt eine Figur, die vor den Konturen des afrikanischen Kontinents einen Fallrückzieher macht. In Wirklichkeit aber geht es hier darum zu zeigen, was alles in Südafrika steckt: mit schillernden Tanzgruppen, einer Märchenerzählerin und knallendem, Funken sprühenden Feuerwerk. All die Bedenken sollen so zerstreut werden, was Kriminalitätsbekämpfung, Transport und das Ticketing in vier Jahren betrifft. Noch fehlen Südafrika moderne Stadien und Nahverkehr, der Hunderttausenden Fans genügt.

Südafrika, das als erstes afrikanisches Land das Großereignis ausrichten darf, präsentiert sich in Berlin als selbstbewusste Nation, die WM-Städte Johannesburg, Kapstadt, Port Elizabeth, Durban, Nelspruit, Pretoria, Bloemfontein, Rustenburg und Polokwane haben das Foyer des Tempodrom in eine Miniausgabe der Internationalen Tourismusbörse verwandelt. Mitarbeiter von Botschaften, Fremdenverkehrsbehörden, Trommelgruppen und Fußballverbänden mischen sich untereinander; der heiße, anstrengende Sommer 2006 beginnt, seine Spuren in den Gesichtern der Handlungsreisenden zu hinterlassen. Es sind knapp 6000.

Die meisten von ihnen feiern den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, begrüßen ihn mit Jubelschreien, kaum, dass die Zikaden verstummt sind. Mbeki blickt sich anfangs etwas irritiert um, weil drei Halbnackte hinter ihm in Hörner blasen, aber als sie verschwinden, findet er nur gute Worte: „Der Pokal wird auf dem afrikanischen Kontinent bleiben“, glaubt er. Wieder Beifall. Und er erinnert nachdenklich daran, wie der Pokal den Deutschen 1954 „neues Selbstbewusstsein“ geschenkt habe. Er sei sich sicher, dass die WM 2010 einen ähnlichen Effekt auf Afrika haben werde. Seine bewegende Ansprache beendet Thabo Mbeki mit dem deutschen Satz: „Kommen Sie 2010 nach Südafrika.“

Auch Kofi Annan, der aus Ghana stammt, betont, dass das Turnier in vier Jahren eine Weltmeisterschaft des gesamten afrikanischen Kontinents werde. Dann erklärt er die Weltmeisterschaft 2006 rigoros für die beste aller Zeiten: „Die Deutschen spielen zwar nicht beim Finale mit. Aber sie haben gewonnen, indem sie die bisher beste Weltmeisterschaft organisiert haben.“ Der UN-Generalsekretär sagt, es sei gelungen, „die gesamte deutsche Nation hinter diesen ehrenvollen Anstrengungen zu vereinen“.

In Richtung Joseph Blatter frotzelt er, so eine Weltmeisterschaft lasse die Vereinten Nationen „grün vor Neid“ werden, da Fußball noch universeller sei als die UN: „Die Fifa hat 207 Mitgliedsländer. Wir nur 192.“ Es gebe jedoch auch andere Gründe für ihn, den Weltverband zu beneiden – beim Fußball habe jede einzelne Nation die gleichen Startvoraussetzungen. Gegen Ende seines Grußwortes bittet er Thabo Mbeki augenzwinkernd, ihn in vier Jahren „auch ins Land einreisen zu lassen. Denn 2010 werde ich kurzfristig nach Südafrika ziehen.“

Blatter selbst spricht von „Gerechtigkeit für den afrikanischen Kontinent“. Dann wendet er sich an seine Kritiker: „Sie denken, Südafrika bekommt das nicht hin? Mamma mia, Mamma mia. Sie glauben gar nicht, wie groß die Fifa-Familie ist. Es ist eine Familie, die gern hilft. Und sie setzt selbstverständlich großes Vertrauen in Südafrika.“

Joseph Blatter wird bei einem späteren Empfang von Kanzlerin Angela Merkel mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet – eine Gelegenheit, die Merkel geschickt nutzt, Deutschland bei der Fifa als Austragungsort für die Frauen-Fußball-WM 2011 ins Gespräch zu bringen.

Schließlich, als die WM-Botschafter für 2010 die Bühne betreten, stehen elf Nationalhelden im Konfettiregen auf der Bühne: Von Horace Burrell über Mark Fish und Roger Milla bis George Weah sind alle gekommen. Als dann noch ein Feuerwerk durchs Tempodrom rast, das deutlich lauter ist, als jede Zikade flirren kann, ist der Funke endgültig übergesprungen. Nur noch vier Jahre.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben