Sport : „Ein Konzert der rasselnden Lungen“

Gianni Rivera über deutsch-italienische Duelle.

Ausgerechnet du. Gianni Rivera (links) nach dem legendären WM-Halbfinale 1970 im Gespräch mit seinem deutschen Gegen- spieler Karl-Heinz Schnellinger. Foto: dpa
Ausgerechnet du. Gianni Rivera (links) nach dem legendären WM-Halbfinale 1970 im Gespräch mit seinem deutschen Gegen- spieler...Foto: dpa

Gianni Rivera, das Halbfinale der Weltmeisterschaft 1970 zwischen Deutschland und Italien, Endstand 4:3 nach Verlängerung, wird von vielen als das beste Spiel aller Zeiten bezeichnet. Sehen Sie das als einer der Hauptdarsteller genauso?



Dass dieses Spiel mal zur Legende werden würde, war uns auf dem Platz nicht bewusst. Eigentlich haben wir erst bei unserer Rückkehr nach Italien realisiert, welche Wirkung es auf die Zuschauer gehabt haben muss. In technischer Hinsicht war es meiner Meinung nach nicht sehr berauschend.

Die Bedingungen in Mexiko City müssen unmenschlich gewesen sein.

Es war heiß, denn wir spielten schon um 15 Uhr, damit die Partien in Europa nicht allzu spät übertragen wurden. Doch das eigentliche Problem war die Höhe. Ich selbst war ja noch ganz gut beieinander, da ich erst nach 45 Minuten eingewechselt wurde. Aber vor allem die Raucher in unserer Mannschaft hatten richtig zu kämpfen. Es war ein Konzert der rasselnden Lungen!

Wenn man sich heute Spiele aus der damaligen Zeit ansieht, kommen sie einem elegant, aber verblüffend langsam vor. Wie empfinden Sie das?

Natürlich ist der heutige Fußball körperbetonter. Daran ist nichts auszusetzen, solange die Menschen weiter ins Stadion gehen. Ich persönlich bevorzuge allerdings den eleganten, beinahe körperlosen Fußball, der mehr fürs Auge bietet.

Was sind die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede zwischen 1970 und 2012?

Es gibt keine. Alles hat sich verändert: das Spiel, das Denken, das Verhalten. So wie wir uns ja auch geändert haben.

Im Vergleich zu Deutschland steht Italien für eine defensivere Spielweise – und wird dafür von vielen respektiert, aber von den wenigsten geliebt.

Jeder spielt gemäß seiner über Jahrzehnte gewachsenen Spielkultur – und die ist in Italien nun einmal defensiv. Natürlich ist es schön anzusehen, wenn eine Mannschaft nach vorne spielt, aber es hat auch keinen Sinn, ins Verderben zu rennen. Nehmen wir nur das Spiel zwischen Brasilien und Italien bei der WM 1982. Hätten die Brasilianer sich nur ein wenig defensiver verhalten, wäre das Spiel wahrscheinlich unentschieden ausgegangen – es hätte ihnen zum Weiterkommen gereicht. Aber sie mussten ja unbedingt in ihrer ach so bewunderten Art nach vorne stürmen. Das hat Italien eiskalt ausgenutzt und mit 3:2 gewonnen. Und wer ist am Ende Weltmeister geworden?

Italien.

Na, sehen Sie.Interview: Dirk Gieselmann

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