Sport : Ein Kurs bleibt auf der Strecke

Der Formel-1-Boom in Deutschland ist vorbei – Hockenheim nur noch im Wechsel mit dem Nürburgring?

Christian Hönicke

Berlin - Wer wissen will, wann ein Boom beendet ist, muss sich nur an Bernie Ecclestone wenden. Der Engländer besitzt ein ausgeprägtes Gespür für Trends. Er hat als Formel-1-Chef oft frühzeitig Entwicklungen erahnt und an ihnen partizipiert – bis er wieder absprang, nachdem der Höhepunkt überschritten war.

Walter Kafitz hat bei Bernie Ecclestone nachgefragt. Der Geschäftsführer des Nürburgrings schlug angesichts der finanziellen Probleme der zweiten deutschen Formel-1-Strecke in Hockenheim vor, künftig nur noch ein Rennen in Deutschland auszutragen – im jährlichen Wechsel der beiden Kurse. Kafitz zufolge hat Ecclestone die Rückstufung begrüßt. Mit anderen Worten: Der Formel-1-Boom in Deutschland ist vorüber.

Momentan ist noch nicht einmal geklärt, ob dieses Jahr überhaupt zwei Rennen in der Heimat des siebenmaligen Weltmeisters Michael Schumacher stattfinden. Der hoch verschuldeten Hockenheimring-GmbH droht laut der Wirtschaftsprüfergesellschaft Ernst & Young im Februar die Zahlungsunfähigkeit. Ein kurzfristig aufgestelltes Sanierungsmodell soll dies nun abwenden. Es sieht vor, dass Teile der Strecke an eine Leasinggesellschaft verkauft und für zehn Jahre zurückgemietet werden. Eine andere Möglichkeit ist der Verkauf der Namensrechte. „Wer den jährlichen Fehlbetrag ausgleicht, sollte dafür die Namensrechte erhalten“, sagte Hockenheims Oberbürgermeister Dieter Gummer dem „Focus“. Er ist gleichzeitig der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Hockenheimring- GmbH, an der die Stadt zu 51 Prozent beteiligt ist.

Die finanziellen Probleme des Hockenheimrings sind nach den Worten eines Insiders, der nicht genannt werden will, „ausschließlich“ auf den Umbau der Strecke im Jahre 2002 zurückzuführen. Damals war der Kurs auf Druck von Ecclestone für 65 Millionen Euro komplett umgebaut und mit hochmodernen Einrichtungen versehen worden. Ecclestone hatte dies offiziell mit Sicherheitsproblemen auf der schmalen Hochgeschwindigkeitspassage vor der ersten Waldschikane begründet und andernfalls mit einer Streichung des Rennens gedroht. Aber auch die durch die Verkürzung der Strecke größere Rundenzahl und die dadurch häufiger im Bild gezeigten Sponsorenlogos haben eine große Rolle gespielt. Der eine Haken am Umbau: Die Kosten musste der Hockenheimring selbst tragen. Der andere: Dem Finanzierungsplan lagen die hohen Zuschauerzahlen auf dem Höhepunkt des Formel-1-Booms in Deutschland um die Jahrtausendwende zu Grunde. Dieser optimistische Plan sah vor, dass die Hockenheimring-GmbH alle Kredite bis 2008 abgezahlt haben würde.

Es kam anders. Aufgrund steigender Eintrittspreise und sinkender Attraktivität der Rennen gingen die Zuschauerzahlen nicht nur in Deutschland zurück. Jetzt steht die Zahl 2008 stellvertretend für ein Szenario, wie man es sich in Hockenheim lange nicht vorstellen konnte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der Auslöser der Formel-1-Hysterie in Deutschland endgültig aus dem Auto gestiegen sein. Ob ohne Michael Schumacher noch genügend Gründe für zwei Rennen in Deutschland existieren, darf bezweifelt werden. Auch Hartmut Tesseraux, der Pressesprecher des Hockenheimrings, gibt zu, dass Formel-1-Besucher in Deutschland eine hohe Affinität zu Michael Schumacher aufweisen. „Aber Deutschland hat eine große Lobby“, sagt Tesseraux. „Wir haben weiterhin starke Fahrer, große Automarken und eine riesige Zuliefererindustrie in der Formel 1.“

Dennoch läuft der Rennsport in Deutschland langfristig Gefahr, den Weg einzuschlagen, den das Tennis schon vor Jahren gehen musste. Nach dem Rücktritt der Helden Boris Becker und Steffi Graf pendelte sich das Interesse wieder auf dem Niveau vor dem Boom ein. Der Vorschlag von Seiten des Nürburgrings, künftig im Wechsel mit dem Hockenheimring nur noch ein Rennen in Deutschland auszutragen, ist folgerichtig. Den plötzlichen Entzug des Grand Prix vor dem Vertragsablauf 2008 befürchtet man in Hockenheim nicht. „Man kann über Ecclestone denken, was man will, aber sein Wort gilt“, sagt Tesseraux.

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