Sport : Ein kurzer Gruß nach Deutschland

Jürgen Klinsmann meldet sich mit einem Interview und schließt eine Rückkehr nicht ganz aus. Der DFB sagt: Ihm stehen alle Türen offen

Robert Ide

Berlin - Ecuador? „Wir müssen denen auf die Fresse hauen.“ Argentinien? „Da schlagen wir zu; aber brutal.“ Italien? „Wenn ihr euer Herz rausbringt, dann hauen wir die weg.“ Und natürlich: „Das lassen wir uns nicht nehmen, von niemandem – und schon gar nicht von den Polen.“ So sprach Jürgen Klinsmann vor den Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft. Eindringlich, eindeutig und ein bisschen dumpf. So hat jeder den Trainer in der Kabine der Nationalmannschaft nacherlebt im Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“. So hat sich jeder sein Bild von dem Mann gemacht, der seit dem Abpfiff des Märchensommers ohne Wiedersehen nach Amerika entschwunden ist. So bin ich aber gar nicht, sagt jetzt dieser Mann.

„Als ich das gesehen habe, habe ich gedacht: Um Gottes Willen, wie führst du dich denn da auf?“, bekennt Jürgen Klinsmann in einem heute erscheinenden Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. Das Gespräch ist seine erste und wohl einzige Rückkehr in die deutsche Öffentlichkeit in diesem Jahr. Es wurde in Kalifornien geführt.

Gerade weil Äußerungen von ihm Seltenheitswert haben, kann man an ihnen auch erkennen, wie Jürgen Klinsmann sich in Deutschland gerne dargestellt sehen möchte: als perfekter Projektplaner. Die Kabinenansprachen bezeichnet er als Ausnahmesituation. „Die authentischen Situationen laufen in den zwei Stunden davor ab, wenn ich mit den Spielern einzeln spreche, sie beobachte“, sagt Klinsmann. „In der Kabine ist das dann reine Intuition, da geht es nur darum, die Jungs positiv emotional aufzuladen. Da verliert man dann schon mal ein Stück weit die Kontrolle über seine Wortwahl.“ Diesmal wirken seine Worte gewählt, gewichtet. Und es entsteht der Eindruck, als wolle Jürgen Klinsmann das Bild, das sich Deutschland von ihm gemacht hat, korrigieren.

Vielleicht ist es für Klinsmann auch ein Versuch, wieder eine vorsichtige Verbindung in die alte Heimat aufzubauen. Vielleicht deshalb antwortet Klinsmann auf die Frage, ob er es ausschließen kann, wieder als National- oder Vereinstrainer in Deutschland zu arbeiten, mit keinem klaren „Ja“, sondern mit einem „Im Augenblick: ja“. Schließlich solle man niemals irgendwelche Dinge ausschließen.

Theo Zwanziger lacht am Telefon, als er auf diese Stelle des Interviews angesprochen wird. „Natürlich stehen Jürgen Klinsmann bei uns im DFB immer alle Türen offen“, sagt der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. „Aber selbstverständlich kann es dann nur um Stellen gehen, die frei sind.“ Die Stelle des Bundestrainers, das muss Zwanziger nicht betonen, die ist nicht frei.

Das vor der Weltmeisterschaft ausgerufene „Projekt Klinsmann“, das den deutschen Fußball zukunftstauglich machen soll, sieht der Initiator nun durch Joachim Löw umgesetzt. „Ich habe dem DFB nach der WM gesagt, es gibt nur einen in Deutschland, der unsere Philosophie fortführen kann – und das ist Jogi Löw“, sagt der Vorgänger und Mentor. Wie eng das Arbeitsverhältnis zwischen beiden war und wohl auch noch ist, hat der Nachfolger gerade im Tagesspiegel- Interview verraten: „Uns ging es darum, die Spielphilosophie für die Zeit danach beim DFB zu installieren.“ Erstaunlich an diesem Dualismus ist dann allerdings eines: Erst am Abend des WM-Finales zogen sich beide in den Schwarzwald zurück, um über Klinsmanns Zukunft zu sprechen. „Da hat er erstmals mitgeteilt, dass er wieder zurück möchte, zu seiner Familie in die USA“, erinnerte sich Löw.

Ein Stück Unnahbarkeit zwischen Klinsmann und Löw bleibt da zwischen den Zeilen hängen. Aber vielleicht ist es nur die normale Unnahbarkeit, die Klinsmann offensichtlich zu Deutschland hat. Das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz wartet noch in seiner alten Heimat auf Abholung. Das Bundespräsidialamt muss auf Nachfrage erst einmal klären, ob die Auszeichnung, die sich Klinsmann nicht bei Präsident Horst Köhler abgeholt hat, schon an den DFB weitergeschickt wurde oder noch im Schloss Bellevue bereitliegt. „Sie ist noch bei uns“, sagt schließlich eine Sprecherin und zeigt die beiden Möglichkeiten auf, wie Klinsmann an das Bundesverdienstkreuz kommen kann: bei einer Feierstunde mit Sportminister Wolfgang Schäuble (CDU) in Deutschland oder einer in der deutschen Botschaft in den USA. Klinsmann scheint die Sache nicht allzu sehr aufzuregen: „Der Bundespräsident weiß, dass ich es sehr gerne persönlich entgegennehme, wenn ich das nächste Mal in Deutschland bin. Es gibt da keine Missverständnisse. Ansonsten können wir es gerne auch in Los Angeles machen.“

Es bleibt wohl ein Stück Distanz zwischen Klinsmann und Deutschland, auch über das „Zeit“-Interview hinaus. Das heißt aber nicht, dass Jürgen Klinsmann ein Mensch ist, der keine Nähe vertragen kann. Seine Priorität war, ist und bleibt seine Familie. Deshalb hat er von seiner Arbeit als Bundestrainer abgelassen, obwohl ihn in Berlin eine Million ihm zujubelnde Menschen auf der Fanmeile zum Weitermachen überreden wollten. „Ich war und bin frei zu entscheiden“, sagt Klinsmann. „Und es war meine Entscheidung, zu gehen. Dafür bin ich meiner Frau sehr dankbar. Die Kinder nicht aufwachsen zu sehen, das wäre ja auch zu meinen Lasten gegangen, nicht nur zu ihren.“ Ob es wirklich offen war, dass er bleibt? „Zugegeben, die Chance war sehr gering“, antwortet Klinsmann auf eine Frage, die Fußball-Deutschland lange bewegt hat.

Weihnachten feiert Jürgen Klinsmann in Kalifornien. Am Heiligabend gibt es, wie in der alten Heimat üblich, Geschenke aus Deutschland, am Ersten Weihnachtsfeiertag, traditioneller Tag der Bescherung in den USA, gibt es Geschenke von der amerikanischen Verwandtschaft. Und an den freien Tagen danach will sich Jürgen Klinsmann mit seiner Familie den Film „Deutschland. Ein Sommermärchen“ anschauen. Die Endfassung hat er noch nicht gesehen.

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