Sport : Ein Land entdeckt den Winter

Die USA sind stark in Turin – weil sie nicht mehr nur auf Spiele im eigenen Land setzen

Benedikt Voigt[Sestriere]

Bode Miller saß in einer kleinen Hütte auf einem Trainingsrad und blickte auf die Anzeigetafel, die im Skistadion von Sestriere Colle den Zwischenstand vermeldete, als etwas Seltsames passierte. „Plötzlich war mein Name verschwunden“, sagte der US-amerikanische Skistar. Er war in Führung liegend disqualifiziert worden, weil eine Videoaufzeichnung bewiesen hatte, dass er im ersten Durchgang des Kombinationsslaloms eingefädelt hatte. Der beste Fahrer ausgeschieden – das musste ein trauriger Abend werden für das amerikanische Alpin-Team. Doch eineinhalb Stunden später jubelten die Trainer und Betreuer in den blauen „Team USA“-Jacken.

Der 21-jährige Ted Ligety hat mit seiner Goldmedaille in der alpinen Kombination sich selbst und die Experten überrascht. „Das ist etwas, was ich nie erwartet hätte, im letzten Jahr bin ich doch nur Riesenslalom gefahren“, sagte er mit krächzender Stimme. Trotz einer starken Erkältung hat er der amerikanischen Olympiamannschaft das fünfte Gold dieser Spiele beschert. Damit lagen die USA nach 23 von 84 Entscheidungen in Turin im Medaillenspiegel an erster Stelle. Auf diesem Platz werden eigentlich die traditionellen Wintersportnationen Norwegen, Russland oder Deutschland erwartet. Doch die USA, in den Sommerspielen immer schon eine der wichtigsten Kräfte, zählen seit den Spielen von Salt Lake City 2002 auch zu den starken Wintersportnationen.

„Ich glaube, wir werden mit unserem Abschneiden erneut die Welt überraschen“, sagte Jim Scherr, Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC) gegenüber „USA Today“. Bereits in Salt Lake City hatten die Amerikaner 34 Medaillen gewonnen und damit ihren bisherigen Rekord (13) bei Olympischen Winterspielen fast verdreifacht. Ursache der Erfolge waren verbesserte finanzielle und organisatorische Anstrengungen, um bei den Spielen im eigenen Land eine herausragende Rolle zu spielen. Bereits kurz nach den Spielen 2002 hatten sich die Verantwortlichen des USOC zusammengesetzt und überlegt, wie sie von den vergangenen Spielen profitieren können. „Wir wollten uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen“, sagte Steve Roush, Sportchef des USOC, „sondern das, was wir gelernt haben, sofort für 2006 umsetzen.“ Das USOC steigerte die Ausgaben für die Wintersportverbände und Athleten auf 36 Millionen Dollar für vier Jahre – zwei Millionen mehr als vor den Spielen in Salt Lake City investiert worden waren. In der Vergangenheit hatte das USOC nach Spielen im eigenen Land stets die Mittel reduziert.

Es scheint sich jetzt auszuzahlen. Bisher lagen die Stärken der Amerikaner in den Funsportarten wie Snowboarden oder Freestyle-Skifahren. In Turin haben sie das durch die Doppelsiege in der Halfpipe von Shaun White und Daniel Kass sowie Hannah Teter und Gretchen Bleiler auch unterstrichen. Auch im Eisschnelllauf sind die US-Amerikaner schon länger eine fest Größte. In Turin gewannen Chad Hedrick über 5000 Meter sowie Joey Cheek über 500 Meter Gold. Im Short Track können sie in Apolo Ohno einen großen Favoriten aufbieten. Doch inzwischen haben die USA auch im Alpinen Skifahren sowie im Rodel- und Bobsport aufgeschlossen. Todd Hays gilt sowohl im Zweier- als auch im Viererbob als Medaillenkandidat.

Nur im Biathlon und den Nordischen Sportarten tun sich die USA weiterhin schwer. „Aber es wird besser“, sagt Luke Bodensteiner, der Nordische Direktor der US-Mannschaft, „früher war unsere Sportart überhaupt nicht im Fernsehen, jetzt sind wir es zum ersten Mal.“ Immerhin nähern sich seine Langläufer der Weltspitze. „Früher liefen wir immer auf Platz 60 und schlechter, jetzt sind wir manchmal sogar schon unter den ersten zehn.“ Mit der Medaillenvergabe haben die Amerikaner in den Nordischen Disziplinen aber bis auf weiteres nichts zu tun. Deswegen registriert der Nordische Direktor auch verdutzt die Stärke des Gesamtteams. „Was, wir sind Erster im Medaillenspiegel?“, fragt Bodensteiner ungläubig. „Den habe ich bis jetzt überhaupt nicht beachtet.“

10. BIS 26. FEBRUAR

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