Sport : Ein Land im Griff der Hooligans

Wegen der immer wiederkehrenden Gewalt wird der gesamte Fußball in Italien in Frage gestellt

Paul Kreiner[Rom]

Nach den schweren Fußballunruhen im sizilianischen Catania verdichten sich die Anzeichen dafür, dass die Tötung des Polizisten Filippo Raciti sogar ein geplanter Anschlag war. Der 38-jährige Hauptinspektor war unlängst vor einem Gericht als Belastungszeuge gegen einen gewalttätigen Tifoso aufgetreten; auch hatte er während der Straßenschlachten am Freitagabend einen anderen „Ultra“ festgenommen. Extreme Fans des Erstligavereins Catania Calcio griffen daraufhin den Einsatzwagen von Raciti an, schleuderten einen schweren Stein durch die Windschutzscheibe, der den Polizisten an der Brust traf, und warfen einen Sprengsatz ins Auto, der vor dem Racitis Gesicht explodierte. Dieser starb kurz danach im Krankenhaus.

Als Reaktion auf die Ausschreitungen rund um das Spiel der Serie A zwischen Catania Calcio und US Palermo hat Italiens Regierung ein „Vorgehen ohne Nachsicht“ gegen gewalttätige Tifosi angekündigt. Innenminister Giuliano Amato sagte: „Wir müssen die Gewalt um jeden Preis aus den Stadien verbannen. Nochmal: um jeden Preis. Und wenn Italien ohne Fußball bleibt.“ Der italienische Spielbetrieb von den Jugend- über Amateur- und Profiligen bis hin zur Nationalmannschaft bleibt nach Anordnung des Fußballbundes FIGC vorerst ausgesetzt. Am Montag wollen sich Regierung und FIGC zu einem Krisengipfel treffen. Die Zeitung „La Stampa“ ist wie die meisten Blätter in Italien schockiert: „Ein Toter pro Woche. Dies ist der erschreckende Rhythmus des Horrors, den wir noch Fußball nennen“, schrieb das Blatt aus Turin. „Wir sind ein Land im Griff der Hooligans.“

Zu den angeblich geplanten Maßnahmen der Regierung gehören Spiele unter Ausschluss des Publikums, zumindest in der Vielzahl der Stadien, die den seit zwei Jahren theoretisch geltenden Sicherheitsvorschriften nicht entsprechen. Für den Rest der aktuellen Spielzeit sollen alle Fantransporte zu Auswärtsspielen untersagt werden. Ferner sollen die bislang kommunalen Fußballstadien in die Regie der Vereine übergehen; die Klubs wären dann – nach englischem Vorbild – auch zur Gänze für die Sicherheit der Spiele verantwortlich. Auch sollen die Klubs verpflichtet werden, fünf bis zehn Prozent ihrer Einnahmen in eine bessere Stadion-Sicherheit zu investieren.

Das „Massimino-Stadion“ in Catania bleibt wahrscheinlich für den Rest der Spielzeit geschlossen; derzeit hat es die Staatsanwaltschaft offiziell beschlagnahmt und versiegelt. Gegenüber Reportern gaben Cataneser Fans an, sie seien ohne Kontrollen in ihre Nordkurve gelangt und hätten auf diese Weise von Metallstangen bis hin zu Sprengsätzen alles mitnehmen könnten, was sie wollten. Zusätzlich rissen sie Rohre, Wasserhähne und sogar Kloschüsseln aus den Toiletten, um sie als Wurfgeschosse zu verwenden. Die aus Palermo angereisten Fans hingegen waren von der Polizei die ganze erste Halbzeit lang auf Distanz gehalten und gefilzt worden.

Die Straßenschlachten der Cataneser um das Stadion herum waren denn auch allein gegen die 1500 Mann der Polizei, nicht gegen „feindliche“ Fans gerichtet. Ein Staatsanwalt sagte, für die jungen, zu einem beträchtlichen Teil minderjährigen Randalierer sei das Fußballspiel nur ein Vorwand gewesen, die Polizei anzugreifen: „Das war eine Intifada.“ 29 Gewalttätige wurden festgenommen, mehr als 60 Polizisten verletzt. Unter der Polizei gärt Unruhe. Gewerkschaftsfunktionäre drohen mit einem Boykott von Fußballeinsätzen – nicht zuletzt deshalb, weil die Kollegen es satt hätten, für eine Zulage von 13 Euro zuhause oder 26 Euro auswärts den Kopf gegen gewalttätige Fans hinzuhalten. Außerdem stünden noch die Zulagen aus, die Silvio Berlusconis Regierung vor einem Jahr für den Einsatz bei den Olympischen Winterspielen in Turin zugesichert hatte.

Von Gesetzes wegen sind die Fußballvereine schon seit zwei Jahren in der Pflicht. So müssten sie die Stadien sicherheitstechnisch nachrüsten, sie dürften Tickets nur noch gegen Personalausweis verkaufen, sie müssten eigene „Stewards“ stellen, die in den Fan-Kurven für Ruhe sorgen würden; sie müssten mit Videokameras die Reihen überwachen. Tatsächlich genügen bisher nur drei Stadien den Auflagen: in Rom, Turin und Palermo. Die anderen Vereine haben für die unbequemen und nicht gerade billigen Maßnahmen immer wieder Aufschub beantragt – und erhalten. angesehene Zeitungskommentatoren schreiben, die Radikalen wüssten und nützten es aus, dass sie im Stadion praktisch ungestraft toben könnten.

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