Ein Langzeit-Fan und die deutschen WM-Siege : "Der Fernseher lag auf dem Rücken, strahlte nach oben"

Der 73-jährige Horst Flindt aus Nortorf in Schleswig-Holstein hat alle vier WM-Endspiele, die Deutschland gewann, live verfolgt. Im Interview verrät er, wie 1954 das Fernsehgerät aussah, welches Team ihn am meisten beeindruckt hat und warum er nicht zum Public Viewing geht.

Bodo Straub
Horst Flindt (Mitte) verfolgt mit seiner Familie, unter anderem seiner 86-jährigen Schwiegermutter (links), das WM-Finale. Es war der vierte deutsche WM-Sieg, den er sah.
Horst Flindt (Mitte) verfolgt mit seiner Familie, unter anderem seiner 86-jährigen Schwiegermutter (links), das WM-Finale. Es war...Foto: privat

Herr Flindt, mit Ihrer Erfahrung haben Sie das Finale am Sonntag doch bestimmt ganz entspannt verfolgt, oder?

Ich war mir an und für sich ganz sicher, dass das klappt und war ziemlich ruhig. Aber dann waren die Argentinier doch nicht schlecht und es wurde richtig spannend.

Sie haben ja schon das Wunder von Bern am Fernsehen gesehen - was wissen Sie noch von dem Spiel?

Das Finale von 1954 habe ich eigentlich noch am besten in Erinnerung. Die Ungarn waren hoch favorisiert, nachdem sie schon in der Vorrunde mit 8:3 gegen Deutschland gewonnen hatten. Aber klar, als 14-jähriger Junge war ich trotzdem überzeugt, dass Deutschland gewinnt.

Wo haben Sie damals das Finale verfolgt?

Mein Vater hat mich mit zum Arzt unseres Dorfes genommen, der hatte das Geld für einen eigenen Fernseher. Das war ja die absolute Ausnahme, dass jemand so ein Gerät besaß. Der Fernseher lag auf dem Rücken, strahlte nach oben, und man sah das Bild über einen Spiegel (Anm.: Womöglich ein Gerät dieser Art). Alle anderen saßen ja im Café, teils mit 200 oder 300 Leuten.

Dieses Jahr verfolgten rund um das Brandenburger Tor etwa eine halbe Million Menschen das Finale.

Das wäre nichts für mich. Ich bin kein Einsiedler, aber diese Massen! Wenn man da ein Bier trinkt, wo geht man denn dann auf die Toilette?

Die Helden von Bern fuhren damals mit dem Zug durchs Land, heute übertragen zwei Fernsehsender live den Empfang der Spieler. Wie finden Sie das?

Fußball ist Bestandteil der Gesellschaft geworden. Wenn ich höre, dass fast 35 Millionen Menschen das WM-Finale gesehen haben, Public Viewings nicht mitgerechnet! Das ist eben alles Teil des Showgeschäfts. Die Weltmeister von 1954 bekamen ja auch noch jeder ungefähr ein Kaffeeservice und 500 Mark als Belohnung. Aber auch für uns war Fußball damals ungeheuer wichtig, wir hatten ja gar nichts anderes neben den Schularbeiten, die wir auch nicht immer ernst genommen haben...

Die Rückkehr der Weltmeister
Einmal die Polonaise über die Bühne.Weitere Bilder anzeigen
1 von 66Foto: dpa
15.07.2014 12:18Einmal die Polonaise über die Bühne.

Auch der Fußball selbst hat sich entwickelt...

Ja, natürlich, er ist ist viel schneller geworden, das kann man gar nicht vergleichen. Helmut Schön sagte damals noch immer: "Ball annehmen, schauen, abspielen" - heute haben die Jungs zum Annehmen und Schauen fast keine Zeit mehr, sie müssen sofort weiterspielen. Aber mich stören diese Tätlichkeiten: Mit der Faust dem Gegenspieler ins Gesicht schlagen, das hat es früher nicht gegeben. Da kann mir auch niemand von internationaler Härte erzählen.

Welche der vier Weltmeister-Mannschaften hat sie am meisten beeindruckt?

Ich glaube, die aktuelle - einfach, weil dort kein Stinkstiefel dabei war, kein komplizierter Spieler so wie früher zum Beispiel Sepp Maier. Und man sieht auch: Heute freut sich die Welt mit den Deutschen, einfach weil sich die Mannschaft vernünftig benommen hat. Das WM-Finale 1974 habe ich damals mit einem Schweizer zusammen gesehen, der wollte überhaupt nicht, dass Deutschland gewinnt, wegen der Ereignisse im Dritten Reich.

Und welcher war ihr Lieblingsspieler aus diesen vier Mannschaften?

Werner Liebrich, Mittelläufer vom FC Kaiserslautern in der Mannschaft von 1954. Das war so ein rustikaler Spielertyp, solche Menschen mag ich. Von der aktuellen Mannschaft hat mich Manuel Neuer am meisten beeindruckt - ein unglaublich guter Torwart mit einer guten Mentalität. Der macht kein Theater.

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