Sport : Ein Leben wie Oma und Opa

Der harte Wandel der Hochspringerin Friedrich

Frank Bachner

Berlin - Die Sonne schien, man konnte im Hemd auf dem Weg zwischen den Bäumen schlendern, die Luft war klar, Vögel zwitscherten, nur in der Ferne waren ein paar Autos zu hören. Es war eine Stimmung, in die dieser Satz ideal passte: „Ich fühle mich super gut.“ Dann schwieg Ariane Friedrich sekundenlang, als wollte sie diesen Satz wirken lassen. Neben ihr ging Günter Eisinger und wusste nun, dass die 24-Jährige einiges leisten würde. Sie spazierten am Sonntag in der Nähe der Sporthalle von Sindelfingen, weil das zum Ritual gehört. Erst duscht Ariane Friedrich morgens ganz lange, dann schminkt sie sich ausgiebig, dann geht sie mit ihrem Trainer spazieren. Vor jedem Wettkampf.

Ein paar Stunden später übersprang Ariane Friedrich 2,01 Meter.

Es war der Höhepunkt der deutschen Hallen-Leichtathletik-Meisterschaften, seit 13 Jahren hatte keine deutsche Hochspringerin mehr eine solche Leistung gezeigt. In den vergangenen Wochen schon hatte die 24-Jährige bereits zweimal 2,00 Meter überquert. Weil „ich so lebe wie meine Großeltern“, hatte sie in Sindelfingen den Reportern erzählt. Sie meint die acht Stunden Schlaf, die sie täglich hat. Und die Discos, die sie fast nur noch von außen sieht. Und dass sie drei Tage vor einem Wettkampf keinen Zucker mehr isst. Weil „Zucker langsam macht“. Und Eisinger erzählt fast schwärmerisch von dem Spaziergang und sagt: „Ich bin überrascht, wie positiv sie sich entwickelt hat.“

Vor zwei Jahren wollte er sich noch von ihr trennen.

Damals hatte er „Angst, dass sie körperlich Schaden nimmt und ihre Leistungsfähigkeit einbüßt“. Das Talent war auf dem Weg zur Mitläuferin. Zwischen 2002 und 2006 hatte sie sich bloß von 1,86 Meter auf 1,92 Meter verbessert. Sie war von der Provinz nach Frankfurt gekommen und zog mit Freunden, „die mit Sport nichts am Hut hatten“ (Eisinger), durch die Discos. Drei Jahre schaute sich Eisinger das an, dann bestellte er sie zu einer Aussprache. „Es ging für uns hopp oder top“, sagt er. „Massiv“ zählte er alles auf, was ihn störte. Noch nie hatte er so etwas mit einem Athleten gemacht.

Aber Ariane Friedrich hatte begriffen. In Sindelfingen sagte sie: „Ich bin eine verantwortungsbewusste Athletin geworden.“ Sie sehe jetzt, wie man sich mit Entbehrungen verbessern kann, nennt Eisinger diesen Wandel. Bei der Hallen-WM in Valencia will sie 1,95 Meter springen, mindestens. So hoch ist die deutsche Qualifikationsnorm für Olympia, mit weniger gibt sich auch Eisinger in dieser Saison nicht mehr zufrieden.

Er hat Ariane Friedrich beigebracht, was Entbehrungen sind. Die Hochspringerin trainiert jetzt so lange im Freien wie irgendwie möglich. Einmal sprang sie morgens, bei null Grad, die Treppen des Frankfurter Fußballstadions hoch, unter den Augen der eintrudelnden Eintracht-Profis. „Die dachten: Was sind denn das für Verrückte“, sagt Eisinger.

Verrückte? Eisinger kehrt „trainingsmethodisch bloß ein paar Jahre zurück“. Früher war Training auf Treppenstufen normal, früher war Wintertraining im Freien nicht ungewöhnlich. Also läuft Ariane Friedrich jetzt auf gefrorenem Boden und härtet so ihren Körper ab. Und als sie mal auf dem Amsterdamer Flughafen acht Stunden warten musste, da organisierte sie sich in der Stadt einen Trainingstermin in einem Fitnessstudio.

Ariane Friedrich ist jetzt in einer Sportfördergruppe der Polizei. Das Lehramtsstudium hat sie geschmissen, das gehört auch zu ihrem Wandel. „Im Studium“, sagte sie, „gammelte man doch bloß.“

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