Sport : Ein letzter Gruß

Armstrong wehrt sich gegen Dopingvorwürfe – für Zivilprozesse hat er jedoch schlechte Aussichten

Frank Bachner,Friedhard Teuffel

Berlin - Eine halbe Stunde hatte Lance Armstrong am Mittwoch mit Jean-Marie Leblanc telefoniert. Leblanc sei sehr verständnisvoll gewesen, berichtete Armstrong. Am nächsten Morgen musste Armstrong jedoch etwas anderes lesen. Leblanc, Direktor der Tour de France, hatte der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ gesagt: „Wir sind alle getäuscht worden.“ Armstrong verlor die Fassung: „Zu behaupten, dass ich die Fans betrogen habe, ist einfach absurd.“

Armstrong hat sich jetzt zum ersten Mal persönlich zu all dem geäußert, was ihm vorgehalten wird, nämlich zu sechs Dopingproben mit Spuren des Blutdopingmittels Epo aus dem Jahr 1999, veröffentlicht in „L’Equipe“. In einer Telefonkonferenz in Washington sagte der 33 Jahre alte Amerikaner ausgewählten Journalisten: „Als ich die Proben abgegeben habe, war kein Epo drin, das garantiere ich.“ Eine Erklärung für die jetzigen Befunde ist für Armstrong seine „lange Hassliebe zwischen mir und den Franzosen“.

Ob und wie sich Armstrong gegen die Vorwürfe wehren wird, habe er noch nicht entschieden, er prüfe gerade alle Möglichkeiten. „Aber wie kann ich mich anders verteidigen als zu sagen, dass das absolut verrückt ist?“, fragte Armstrong. Er sei insgesamt mehr als 300 Mal kontrolliert worden. „Ich würde gerne wissen, ob es einen anderen Sportler gibt, der in seinem Leben so oft kontrolliert worden ist.“

Wie jeder Athlet hat er das Recht auf eine Gegenanalyse der Probe. Doch die ist in diesem Fall nicht mehr möglich. Denn es handelt sich bei den Ergebnissen bereits um die B-Proben. Die A-Proben waren 1999 negativ, Epo war zu diesem Zeitpunkt noch nicht nachweisbar. Außerdem sind die B-Proben im vergangenen Jahr untersucht worden, und ist eine Probe einmal geöffnet, kann sie nicht mehr verwertet werden. Armstrong warf dem französischen Labor, in dem die Tests untersucht worden waren, Verstöße gegen den Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) vor. Es hätte für eine Nachuntersuchung für wissenschaftliche Zwecke das Einverständnis des Athleten einholen und die Ergebnisse zudem anonym behandeln müssen. Der Laborleiter Jacques de Ceaurriz wies die Vorwürfe zurück. „Wir haben die Informationen an die Behörden weitergegeben, nicht an die Presse. Das Labor hat die Anonymität der Proben respektiert“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Bei der Nachuntersuchung von Proben im vorigen Jahr seien zwölf Tests von 1999 positiv gewesen, sechs davon sind Armstrong zugeordnet worden. Der Laborleiter sagte nun der „SZ“, dass außerdem bei einer Nachuntersuchung von 70 Proben der Tour de France 1998 40 positive Tests aufgefallen seien. „Das bedeutet nicht, dass 40 verschiedene Fahrer gedopt waren. Es kann auch nur einen kleinen Teil des Fahrerfeldes betreffen.“ Die Ergebnisse habe er an die Wada weitergeleitet.

Eine sportrechtliche Bestrafung Armstrongs ist ohne Möglichkeit einer Gegenprobe wohl nicht möglich und damit auch nicht die Aberkennung des Tour-Siegs von 1999, seines ersten von insgesamt sieben. Der französische Sportminister Jean-Francois Lamour sagte, dass deswegen auch eine strafrechtliche Verfolgung in Frankreich keine Aussicht auf Erfolg habe.

Immerhin gibt es genügend Zeit, auch nachträglich gedopte Sportler aufzuspüren. Der Code der Welt-Anti-DopingAgentur räumt Fahndern dafür acht Jahre Zeit ein. „Nicht geregelt ist die Zeit, in der Dopingproben eingefroren werden“, sagt Christian Müller, der Justiziar der deutschen Nationalen Anti-Doping-Agentur. „In unserem Bereich werden sie nach sechs Monaten vernichtet, weil sonst kein Platz mehr für neue Proben wäre.“

Professor Wilhelm Schänzer, Leiter des Doping-Kontrolllabors Köln, hält eine längere Verwahrung von Proben jedoch für sinnvoll. Es sei nur eine Kostenfrage. „Bei minus zwanzig bis minus vierzig Grad halten sich die Proben jahrelang.“ Die längere Lagerung hat seiner Ansicht nach einen Abschreckungseffekt und würde den Laboren Gelegenheit geben, später entwickelte Nachweisverfahren anzuwenden. „Wenn man die Proben auch später noch untersuchen will, wäre nicht nur eine A- und B-, sondern auch eine C-Probe sinnvoll“, sagte Schänzer.

Selbst wenn Armstrong nun sportrechtlich nicht mehr belangt werden kann, so könnten die Befunde Auswirkungen auf Schadensersatzprozesse haben. Schon seit längerer Zeit weigert sich der texanische Versicherungskonzern SCA, einen Teil der zehn Millionen Euro Prämien auszuzahlen, die Armstrong vertraglich zustehen. Armstrongs Team US Postal hatte sich bei SCA gegen die Erfolge seines Spitzenfahrers versichert.

Der Heidelberger Sportjurist Michael Lehner sagt: „Ein Sponsor hätte auf jeden Fall Anrecht auf Schadensersatz. Vertragsgrundlage war ja der ungedopte Athlet.“ Vor einem Zivilgericht genüge auch eine positive B-Probe als Beweismittel gegen den Athleten. „Eine positive A-Probe ist da nicht nötig.“

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