Sport : Ein Mann, ein Wort

In Portugals Fußball hat Trainer Scolari das Sagen

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Vor drei Jahren gab es einen Streit um die Führung der portugiesischen Nationalmannschaft. Luis Figo begehrte auf gegen die Einbürgerung des Brasilianers Deco und rechtfertigte seine ablehnende Haltung mit patriotischen Argumenten: Deco sei zwar ein guter Fußballspieler, aber zum Portugiesischsein gehöre nun mal mehr, als den FC Porto zur Meisterschaft zu führen und den Text der Nationalhymne auswendig zu lernen. Der Streit ist längst entschieden, Figo hat ihn verloren. Nicht gegen Deco, sondern gegen Luiz Felipe Scolari, der sich für seinen Landsmann stark gemacht hatte. Auch der portugiesische Trainer ist Brasilianer, und ohne ihn geht nichts.

Scolari ist der mächtigste Mann, der die Nationalmannschaft jemals geführt hat. Früher kungelten die großen Klubs Benfica, Sporting Lissabon und FC Porto die Nominierungen unter sich aus, heute gilt allein Scolaris Wort. Im Herbst 2002 hatte er sich, obwohl gerade Weltmeister geworden, mit dem brasilianischen Verband zerstritten. Portugal war zu diesem Zeitpunkt mal wieder auf Trainersuche und in der prekären Situation, zur Europameisterschaft 2004 im eigenen Land eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufstellen zu müssen. Scolari kam – und mit ihm der Erfolg. Decos Einbürgerung war sein erstes und heikelstes Projekt. Der Spielmacher vom FC Porto machte es ihm leichter, indem er schon in seinem ersten Länderspiel ein Tor schoss, es war das entscheidende zum 2:1-Sieg – ausgerechnet gegen Brasilien.

Die erfolgreiche Europameisterschaft mit Platz zwei hinter Griechenland festigte Scolaris Stellung. Auch Figo findet jetzt lobende Worte für den Trainer, etwa: „Ich wünschte, er wäre früher gekommen, dann hätten wir größere Erfolge feiern können.“ Zwischendurch hatten die Engländer mal Interesse gezeigt, doch mittlerweile gilt eine Vertragsverlängerung Scolaris nach der WM als sicher, entsprechende Erfolge vorausgesetzt.

Im Achtelfinale geht es heute in Nürnberg gegen die Holländer. Das weckt Erinnerungen an die EM, an das Halbfinale von Lissabon, als die Portugiesen ihre wohl stärkste Turnierleistung zeigten und der knappe 2:1-Sieg kaum ihrer Überlegenheit auf dem Platz entsprach. Cristiano Ronaldo und Maniche hatten schnell eine 2:0-Führung herausgeholt, und Portugal sorgte auch für das holländische Tor, als Andrade eine Flanke unglücklich mit dem Kopf abfälschte. Seitdem ist Portugal spielerisch eher stärker geworden, Holland hat sich vom Zauberfußball früherer Tage verabschiedet und pflegt einen Stil, der dem deutschen ähnlicher ist, als viele wahr haben wollen.

Deco hat sich in den vergangenen Tagen mit einer Knöchelverletzung herumgeplagt. Im ersten WM-Spiel gegen Angola durfte er pausieren, im dritten gegen Mexiko ließ ihn Scolari vorsichtshalber draußen, weil eine Gelbe Karte Decos Sperre für das Achtelfinale nach sich gezogen hätte. Nur gegen Iran hat er gespielt, und das so gut, dass er von den Experten des Weltverbandes Fifa zum Man of the Match gewählt wurde. Zuletzt hat Deco das lädierte Gelenk geschont und nur leichtes Lauftraining absolviert, rechtzeitig zum Achtelfinale ist er wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Es wird also wieder zur seit der Europameisterschaft bewährten Rollenteilung zwischen den beiden großen Stars der Portugiesen kommen: Deco übernimmt die Spielgestaltung, Figo stürmt auf dem Flügel, wahlweise links oder rechts. Der Streit ist beendet, Figo hat ihn verloren, obwohl er mit der Kritik am Nationalbewusstsein des Kollegen wahrscheinlich gar nicht so falsch liegt: Deco ist der einzige Portugiese, der vor dem Spiel nicht mitsingt. Nicht mal die Nationalhymne hat er auswendig gelernt.

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