Sport : Ein Mann für 2006

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Von Stefan Hermanns

Seogwipo. Sebastian Kehl nutzte die Gelegenheit zu einer Klage in eigener Sache. „Drei Wochen hat nach dem Training keiner mit mir gesprochen, und dann sind Sie alle da.“ Sebastian Kehl saß auf dem Podium im Pressezentrum der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, und ihm gegenüber saßen die Journalisten. Es wurde dann doch keine umfassende Medienschelte des jungen Herrn K., der zwei Tage zuvor seinen ersten WM-Einsatz hinter sich gebracht hatte. „Das ist ja auch normal", sagte Kehl. Ist das so?

Sebastian Kehl, 22 Jahre alt, gilt als einer der Protagonisten der Generation 2006, die in vier Jahren in Deutschland den WM-Titel gewinnen soll. Aber er macht den Eindruck, als habe er nicht die Muße, noch länger darauf zu warten. Vielleicht hat diese Ungeduld etwas damit zu tun, dass Kehl eine Karriere im Sauseschritt hinter sich hat. Vor zwei Jahren spielte er noch bei Hannover 96 in der Zweiten Liga, vor einem Jahr – nach 25 Bundesligaeinsätzen für den SC Freiburg – gab er sein Länderspieldebüt. Kehl wurde Meister mit Dortmund und fand Einlass in Rudi Völlers WM-Kader. „Wenn man mir das vor einem Jahr gesagt hätte, hätte ich mich riesig gefreut“, sagte Kehl. „Aber jetzt will ich auch spielen.“ Die ersten drei Auftritte der Nationalmannschaft verfolgte er von der Ersatzbank aus, und im vierten, am Samstag gegen Paraguay, fand der Teamchef erst in der zweiten Halbzeit Verwendung für den ungeduldigen Jungprofi. Als er in der Verteidigung die Vierer- zur Dreierkette reduzierte, betraute er den Dortmunder mit der Position des zentralen Abwehrspielers. Carsten Ramelow, der normalerweise den Abwehrchef gibt, fehlte wegen seiner Gelb-Rot-Sperre.

Kehl glaubt, „dass ich einfach die Person war, die diese Position spielen und ausfüllen kann“. Daran aber hatte Völler zuletzt seine Zweifel geäußert. Alles deutet darauf hin, dass im Viertelfinale gegen die USA wieder Carsten Ramelow auf Kehls Platz stehen wird. Es ist nicht so, dass Völler Kehls Fähigkeiten nicht schätzt. Vor einem Jahr erkannte Völler in seiner Spielweise „eine Art Fußball, wie wir sie in Deutschland schon lange nicht mehr gesehen haben". Wenn Ramelows erster Blick nach hinten geht, um zu sehen, ob er den Ball zum Torhüter zurückschicken kann, hat Kehl längst die Möglichkeit erkundet, wie er einen eigenen Angriff einleiten kann. Ramelow ist still und brav, Kehl laut und fordernd. „Ich bin einfach ein Typ, der versucht, auf dem Platz seine Emotionen einzubringen“, sagt er. Kehl ist sich seines Wertes bewusst. Deshalb hat er ein Problem mit dem Dasein des Reservisten. Der „Spiegel“ schrieb: „Kollegen nennen Sebastian Kehl altklug." Das liegt vor allem an einer Geschichte, die dem neuen Gesicht des deutschen Fußballs einige hässliche Narben zugefügt hat. Im vorigen Herbst beschäftigte ein Streit zwischen Kehl und Uli Hoeneß, dem Manager des FC Bayern, wochenlang die Öffentlichkeit. Kehl hatte mit den Bayern eine mündliche Vereinbarung über einen Wechsel nach München getroffen und dafür bereits 1,5 Millionen Mark erhalten. Plötzlich wollte Kehl lieber nach Dortmund. Für Hoeneß war Kehl fortan ein Schnösel.

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