Sport : Ein Mann für 90 Minuten: Italiens Pirlo

Michael Rosentritt

Hannover - Es ist nicht klar, was genau Andrea Pirlo mit seiner ersten WM-Trophäe angestellt hat. Der Italiener war nach dem 2:0-Sieg der Squadra Azzurra in ihrem ersten Turnierspiel über Ghana zum „Anheuser Busch Bud Man of the Match” auserkoren worden, was ihm neben dem pompösen Titel noch einen an Belanglosigkeit schwer zu überbietenden silbernen Krug eingebracht hatte. Sollte sich im WM-Quartier der Italiener, dem Hotel des früheren Gewichthebers Rolf Milser, noch eine Kammer befinden, in der der Hauseigentümer ein paar Hanteln aufbewahrt, dann wäre es ein trefflicher Ort für Pirlos albernen Krug. Unter diesen Umständen wäre es auch nicht weiter schlimm, wenn heute, nach dem Spiel der Italiener gegen die USA (21 Uhr, live im ZDF), eine weitere Trophäe hinzukäme.

Während die Amerikaner nach ihrer Auftaktniederlage gegen Tschechien unter Druck stehen, hat sich die Stimmung bei den Italienern merklich aufgeheitert. Mit einem Sieg könnten sie das Tor zum Achtelfinale aufstoßen. Trainer und Spieler sind froh, dass sie wieder über Fußball sprechen können. Bis zum Spiel gegen die Westafrikaner hatte sich alles um den Manipulationsskandal, in dem der italienische Fußball steckt, gedreht. Das Spiel gegen Ghana verfolgten 23 Millionen Italiener vor den Fernsehern. Plötzlich ist in den Medien wieder das Spiel an sich in den Vordergrund gerückt, und mit ihm Andrea Pirlo. Es war nicht nur sein Führungstor, das dem Lombarden das Prädikat „Spieler des Spiels“ einbrachte, sondern es war seine Leistung über 90 Minuten. Vor dem Spiel habe er mit seinem Sohn gesprochen, „er wünschte sich, dass ich für ihn ein Tor schieße“, erzählt Pirlo. Er konnte dem Dreijährigen den Wunsch erfüllen. „Es ist immer schön, wenn man ein Tor macht, aber wichtiger war unser Startsieg. Er nimmt Druck weg und verleiht Sicherheit.“

Andrea Pirlo ist nicht gerade ein Riese mit seinen 1,75 Metern Körpergröße, dafür aber ein fußballerischer Prachtkerl. Der 27-Jährige ist so etwas wie der Mittelpunkt der Mannschaft. Während Francesco Totti dem Spiel einen Zauber, eine gewisse Lyrik verleihen kann, so ist Pirlo das, was man im American Football den Quarterback nennt. Er spielt direkt vor der Abwehr. Er verfügt über eine feine Technik, hat einen sehr guten Überblick und einmalige Spielintelligenz. Mit langen Pässen aus den hinteren Reihen eröffnet er das Angriffsspiel der Italiener. Fast jeder Angriff läuft über ihn. Wie eine Spinne ihr Netz wirft Pirlo seine Pässe über das Fußballfeld. So gibt er Takt und Thema des Spiels vor. „Es gibt kein Geheimnis an meiner Spielweise. Man muss einfach spielen und den Ball schnell passen, damit sich Lücken auftun“, sagt Pirlo unbewegt. Seine Sätze sind wie seine Spielweise, präzise und humorlos.

Pirlo beherrscht das Zentrum. Er hat nicht nur ein ausgezeichnetes Passspiel, sondern er antizipiert hervorragend und er läuft Räume auf dem Feld zu. So nimmt er dem Gegner Zeit für ein durchdachtes Zuspiel und zwingt ihn, sein Spiel über die Außenbahnen zu verlegen. Mit diesem Stil kann er zu einem neuen Prototyp im europäischen Fußball werden.

Dabei galt Pirlo, der bei seinem Lieblingsverein Inter Mailand nicht klarkam, lange als ewiges Talent ohne großen Charakter. Das änderte sich erst mit seinem Wechsel 2001 zum Stadtrivalen AC. Während er bei Inter noch als „Trequartista“, als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff spielte, wurde er von Milans Trainer Carlo Ancelotti vom offensiven zum defensiven Mittelfeldspieler umfunktioniert. Eine taktische Versetzung, die sich lohnte. 2003 gewann Milan die Champions League, 2004 die italienische Meisterschaft. Mittlerweile ist der Mailänder auch für Nationaltrainer Marcello Lippi zu einem unverzichtbaren Führungsspieler aufgestiegen. „Ich weiß schon lange, dass ein Spieler wie Pirlo mit seiner Klasse ein Spiel allein entscheiden kann. In ihm habe ich einen stillen Chef auf dem Platz gefunden, der seine Füße für sich sprechen lässt“, sagte Lippi.

Und natürlich ist Pirlos Wandlung auch anderen Trainern aufgefallen. Brasiliens Coach Carlos Alberto Parreira etwa sieht in ihm einen „Zico vor der Abwehr“. In Italien dagegen vergleicht man Pirlo gern mit Gianni Rivera, dem ehemaligen Regisseur von Mailand und der „Squadra“ in den Siebzigerjahren. Solche Sätze schmeicheln Andrea Pirlo. Etwas verlegen schiebt er mit beiden Händen seine langen Haare aus dem Gesicht. Dann blickt er auf und sagt: „Ich bin mit meiner körperlichen Form ganz zufrieden. Der nächste Gegner kann kommen.“ Mit ihm ist die Squadra Azzurra seit 19 Spielen ungeschlagen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben