Sport : Ein Mann für große Sprünge

Anders Jacobsen gewinnt die Vierschanzentournee vor Gregor Schlierenzauer, der in Bischofshofen siegt

Benedikt Voigt[Bischofshofen]

Am Ende kreisten zwei seltsame Gebilde durch den Auslauf der Paul-Ausserleitner-Schanze. Eines bestand aus österreichischen Skispringern, die ihren Teamkollegen Gregor Schlierenzauer auf Schultern trugen. Den anderen Turm bildeten die Norweger, die Anders Jacobsen auf die gleiche Weise feierten. Irgendwann trafen die beiden wackeligen Gebilde aufeinander, und einen kurzen Moment schien es, als würden Schlierenzauer und Jacobsen in den Schnee fallen. Dann aber fanden die Träger ihr Gleichgewicht wieder und die beiden konnten sich in der oberen Etage herzlich umarmen.

Die Vierschanzentournee feierte nach dem abschließenden Springen in Bischofshofen zwei Sieger in zwei Kategorien: Schlierenzauer bejubelte nach Sprüngen auf 193,5 und 141 Meter seinen zweiten Tagessieg bei der Vierschanzentournee. „Das ist gewaltig“, sagte der Österreicher. Jacobsen aber durfte nach seinem zweiten Platz von Bischofshofen den Gesamtsieg bejubeln. „Ich bin einfach ein glücklicher kleiner Junge“, sagte er. Auf Platz zwei im Gesamtklassement kam Schlierenzauer. „Es ist ein toller zweiter Platz, der seinen tieferen Sinn hat“, sagte der österreichische Trainer Alexander Pointner, „ihm steht noch alles offen.“ Zumal Schlierenzauer gestern erst seinen 17. Geburtstag feierte. Den dritten Platz in Bischofshofen und im Gesamtklassement belegte der Schweizer Simon Ammann. „Nur er kann momentan noch mit Jacobsen und Schlierenzauer mithalten, alle anderen haben so große Rückstände wie wir“, sagte der deutsche Bundestrainer Peter Rohwein.

„Mamma mia, Wahnsinn“, schrie der Stadionsprecher, als Jacobsen auf 142 Meter segelte. Martin Schmitt hatte den weitesten Sprung des Tages gar nicht mitbekommen. Er drehte der Schanze nur den Rücken zu, weil er sein Abschneiden erklärte: Platz 18 in Bischofshofen, Platz 14 im Gesamtklassement. „Ich bin nicht ganz glücklich“, sagte Schmitt. Auch Michael Uhrmann freute sich nicht sonderlich über seinen zehnten Platz, der ihm im Gesamtklassement Platz neun bescherte. „Das ist nicht schlecht“, sagte er, „aber auch nicht das, was ich mir vorstelle.“ Jörg Ritzerfeld landete in Bischofshofen auf Rang 31 und belegte im Gesamtklassement Rang 24. Trainer Rohwein hat nun das Problem, bis zur Weltmeisterschaft in Sapporo einen vierten Springer für sein Team benennen zu müssen. Es fehlen der verletzte Michael Neumayer und der formschwache Georg Späth. „Das lässt sich nicht kompensieren“, sagte Rohwein.

Anders Jacobsen dürfte der erste Gewinner der Vierschanzentournee sein, dessen Name stets mit seiner vorherigen Berufsbezeichnung fällt, weil diese so kurios klingt: Anders Jacobsen, Klempner. Im Sommer hatte ihn der norwegische Cheftrainer Mika Kojonkoski in einem Nachwuchswettbewerb entdeckt, nun hat er den nach Olympia und Weltmeisterschaft wichtigsten Wettbewerb des Skispringens gewinnen. Zwar ging der 21-jährige als Favorit in die Tournee, doch den Gesamtsieg hatte er nach Platz vier in Oberstdorf und Platz fünf in Garmisch-Partenkirchen etwas aus den Augen verloren.

In Innsbruck legte er mit seinem Sieg den Grundstein für den Tourneeerfolg, sein Widersacher Gregor Schlierenzauer verlor dort mit Rang elf alle Chancen auf den Gesamtsieg. „Der emotionalste Moment war in Innsbruck“, sagte er, „als die norwegische Hymne erklang, musste ich weinen.“ Vor dem ersten Sprung in Bischofshofen überkam ihn große Nervosität. „Es ging mir erst besser, als mir Roar Ljökelsöy Schokolade und Kaffee gebracht hat“, sagte er. Danach fragte er Simon Ammann: „Bist du auch nervös?“ Ja, sagte dieser. Als beide erfolgreich unten angekommen waren, lobte der Schweizer schließlich den Tourneesieger überschwänglich. „Das ist neu in diesem Jahr, dass wir viel freundschaftlicher miteinander umgehen.“ Früher sei es eher ein Gegeneinander unter den Skispringern gewesen, die neue Generation aber spricht miteinander. „Es ist gut, wenn man zugeben kann, dass man nervös ist“, sagte Ammann, „das ist Stärke.“ So gesehen hat gestern der in jeder Hinsicht Stärkste die Vierschanzentournee gewonnen.

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