Sport : Ein Meister und sein Fach

Ottmar Hitzfeld wird wohl neuer Teamchef. Fehler macht er immer nur einmal.

Helmut Schümann

Am Ende, als der eine oder andere Herr des FC Bayern sein unwürdiges Spiel gespielt hatte, erhob sich das Opfer im Trophäenzimmer des Klubs vom Konferenztisch, lächelte und sagte: „Jetzt bin ich frei.“ Frei von den täglichen Kämpfen mit unbotmäßigen Spielern, frei von den Intrigen im Umfeld eines Fußballklubs, frei von den Fallstricken der Medien. Ottmar Hitzfeld, der entlassene Trainer, lächelte wieder und wieder. „Ich bin frei.“

Nach Lage der Dinge wird er es nicht lange bleiben. Dass ausgerechnet Franz Beckenbauer, einer jener Männer, die Hitzfeld mit diffuser und dubioser Schaukelpolitik aus seinem Amt in München gedrängt hatten, seine Stimme abgab und Hitzfeld als Nachfolger des zurückgetretenen Rudi Völler empfahl, braucht man nicht als Empfehlung zu werten; das kommt einem Befehl gleich. Ottmar Hitzfeld wird in Kürze als Bundestrainer vorgestellt werden.

Trainer der Fußball-Nationalmannschaft, das ist der emotionalste Job, den dieses Land zu vergeben hat. Im Ansehen und in der möglichen öffentlichen Herabstufung rangiert er gleich hinter dem Kanzler. Ottmar Hitzfeld aber ist bekannt als Mann ohne Emotionen oder zumindest als einer, der sie zu unterdrücken wünscht bis über die eigene Schmerzgrenze hinaus. Ein nüchterner Analytiker, nicht herz- oder seelenlos, aber stets mathematisch exakt. Auf der Geschäftsstelle des FC Bayern schwärmen sie noch von der Hilfsbereitschaft Hitzfelds und seinem verborgenen Engagement für schwerstbehinderte Kinder. So viel zum Herz Hitzfelds. Und beim FC Bayern denken sie noch gerne an die großen Erfolge zurück unter Hitzfeld, die möglich wurden durch ein kühles Rotationsprinzip, das sich nicht scherte um Meriten und Marotten.

Als Hitzfeld mit Borussia Dortmund die Champions League gewann, wurde er weich, beließ die verdienten Mitarbeiter in der Mannschaft – und verlor. Ein Fehler, wie er später betonte. Ein Fehler, den er nicht wiederholen werde. Ohnehin begeht Hitzfeld Irrtümer nur einmal, ein Vorteil für die Nationalmannschaft, besonders bei der Auswahl vorwärts gerichteten Personals. Da aber kann, wer will, einen Schwachpunkt ausmachen in den ansonsten herausragenden Referenzen Ottmar Hitzfelds. Kaum verlässliche Fakten sind zu finden, wie er es mit dem Aufbau und Einbau junger bis jüngster Spieler zu halten pflegt.

Im Vereinsfußball diktiert der Tageserfolg das Geschehen und lenkt allein die Vereinskasse die Personalpolitik. Die ist in der Nationalmannschaft naturgemäß beschränkt – und wird zudem von Volkes Meinung und Volkes Forderung nach mehr Jugendlichkeit begleitet. Der junge Bastian Schweinsteiger, einer der erfreulicheren einheimischen Figuren dieser Europameisterschaft, kam unter Hitzfeld zu seinen ersten Einsätzen und Belobigungen. Als die dann überschwänglich wurden, setzte Hitzfeld zur pädagogischen Erdung an, zunächst zur Verwunderung des jungen Mannes, dann aber zu seinem Besten. Ein Plus also, dem das Minus aus der Dortmunder Zeit gegenübersteht. Das hieß Lars Ricken, ebenfalls ein Überflieger. Der wurde nur halbherzig eingefangen vom Trainer. Mit dem bekannten Ergebnis, dass Ricken eine überschaubare Fußballgröße geworden ist.

Hitzfeld wird im Schweizer Urlaub auch dieses Erlebnis zur Analyse und Planung heranziehen. Akribie ist sein Credo. Reaktion zeigen, hat er mal gesagt, müsse man, ständig müsse man reagieren, sich verändern und den wechselnden Bedingungen anpassen. Man sagt dazu auch Lernfähigkeit. Ottmar Hitzfeld hat seine eigene mehrfach bewiesen.

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