Sport : Ein mit 50 Millionen Mark dotiertes Angebot sorgt für Unruhe beim SSV Ulm

Oliver Trust

Alle paar Tage steht Erich Steer beim Mannschaftsrat auf der Matte. Und immer stellt der Abteilungsleiter Fußball die eine Frage: "Jungs, stört euch das Theater im Vorstand?" Der Mann macht sich ernsthaft Sorgen, obwohl die Spieler des Bundesliga-Aufsteigers SSV Ulm regelmäßig die Köpfe schütteln. "Wir lesen davon, das ist alles", sagt Kapitän Philipp Laux. Aber so ganz traut Steer dem Frieden nicht. Vor dem heutigen Spiel bei Hertha BSC ist beim Schwimm- und Sportverein nichts mehr, wie es einmal war. Sportlich führt kein Weg aus dem Tabellenkeller, und hinter den Kulissen führen die Funktionäre einen erbitterten Kleinkrieg.

So ruhig die Spieler bei öffentlichen Aussagen bleiben, so ungeduldig wird Steer. "Das Kasperletheater muß endlich aufhören", polterte er jüngst. Es wird aufhören. Spätestens am 16. Dezember, wenn in Ulm gewählt wird. Wen - das steht noch nicht fest. Bei der Mitgliederversammlung sollen die erstklassigen Sparten Volleyball, Basketball und Fußball als eine Art "Leistungssport GmbH" aus dem Gesamtverein herausgelöst werden. Dabei geht es ums große Geld. Zuerst wollte Florian Ebner, der aktuelle Präsident, aufhören. Jetzt hat er wieder Lust. Allerdings nur als Vize mit einem "Strohmann" davor. Die als Nachfolgerin vorgesehene SPD-Kreisvorsitzende Katja Adler sitzt wieder mit im Boot, obwohl auch sie schon verzichtet hatte. Mehrfach hatte sie sich mit dem Geschäftsführer der Marketingabteilung, Peter Assion, angelegt. Der, so befand die resolute Lokalpolitikerin knapp, tauge nichts.

Hintergrund der Streitereien ist ein verlockendes Angebot der Kinowelt AG, bis zu 50 Millionen Mark in ein neues Stadion zu pumpen. Nicht aus Nächstenliebe natürlich. Der Klub soll dem Unternehmen Vermarktungsrechte abtreten. Assion ist ein entschiedener Gegner des "Ausverkaufes", Ebner und Adler dagegen glühende Anhänger. Die "Rolle rückwärts" des geschäftstüchtigen Duos Ebner/Adler hängt mit dem Präsidentschaftskandidaten Walter Feucht zusammen. Der ist Chef einer Backmittelfirma und Teilhaber bei Werner Kösters Vermarktungsfirma in Hamburg, die Schwimmstar Franziska van Almsick und Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth betreut. Diesen Wunschkandidaten der Fußballabteilung will Ebner unbedingt verhindern.

Von diesem ganzen Durcheinander hat nicht nur Steer die Nase voll. "Was da abläuft ist doch kaum mehr zu ertragen", schimpft der Metzgermeister a. D. Dass die Spieler davon wirklich nichts mitkriegen, das bezweifelt auch Steer inzwischen. Der Ton in Ulm ist rauer geworden. Das gilt auch für die Bundesligaelf und ihren Trainer Martin Andermatt. Spätestens im Winter gehen die Ulmer auf Shoppingtour. Sie müssen. Ohne zwei bis drei neue Spieler können sie das Schild am Trainingsplatz gleich hängen lassen. Aus seligen Tagen der Drittklassigkeit steht dort noch: Nur für die Regionalliga-Mannschaft. "Einige", so stellte der Schweizer Grundschullehrer Andermatt nun fest, "sind dem Druck in der ersten Liga nicht gewachsen." So wie beim 1:1 gegen Schalke läuft es immer. Die Ulmer spielen munter mit, aber zu drei Punkten reichte es eben erst zweimal. Zu wenig zum Überleben. "Ich kann es nicht mehr hören, dieses Lob. Und wo sind die Punkte?", fragte Andermatt und beschloss, "jetzt die Peitsche rauszuholen". Auswärts haben sie bisher überhaupt nicht gewonnen. Nicht einmal ein klitzekleines Lob gab es.

Über den Trainer aber wird nicht diskutiert. Das ist übrigens das zweite Thema, bei dem Steer der Kragen platzt. "Wir ziehen das mit dem durch", faucht er dann, wenn es um Andermatt geht: "es können nicht immer die Spieler sein, die geschützt werden." Andermatts Verhältnis zu einigen seiner Akteure kühlte merklich ab. Als Dragan Trkulja sich öffentlich über seinen Trainer beschwerte, konterte der trocken: "Wenn er Tore verspricht, die seit Monaten nicht geschossen hat, dann soll er das mal tun." Beim Remis letzte Woche aber traf ein anderer für die Ulmer - Ebbe Sand. Der allerdings spielt für Schalke und traf ins eigene Tor.

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