Sport : Ein Naturereignis

Die Holländer laufen gerne auf den zugefrorenen Kanälen – zum Beispiel bei der Elf-Städte-Tour

Frank Bachner

Andere Länder, andere Sitten. Auch im Sport gilt dieser Satz. Wir beschreiben in loser Folge, welche Sportarten Nationen prägen, und warum das so ist.

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Everet van Benthem lebt jetzt in Kanada, 100 Meilen nördlich von Calgary. In Holland hat es ihm nicht mehr gefallen. Die Weiden für seine Kühe waren zu klein, die Gesetze zu streng. Also siedelte der Bauer van Benthem nach Kanada über. Es ist schon ein paar Jahre her. Aber der Eisschnellläufer van Benthem ist noch da in Holland. Eine Legende behält ihren Platz in den Köpfen der holländischen Schlittschuhläufer, also bei Millionen Menschen. Denn Evert van Benthem hat die Elf-Städte-Tour gleich zweimal gewonnen, 1986 und 1987. Das ist in Holland fast so bedeutend wie zum König ernannt zu werden.

Eisschnelllauf ist Volkssport in Holland, und aus der Begeisterung wird Hysterie, wenn Henk Kroes den Satz verkündet: „Die Elf-Städte-Tour findet in zwei Tagen statt.“ Kroes ist Chef der „Vereinigung der Friesischen Elf Städte“, er ist Chef-Veranstalter einer Quälerei, die nur in besonders kalten Wintern stattfindet. Nur wenn alle Kanäle zwischen elf bestimmten friesischen Städten zufrieren, findet die größte Freiluftparty Hollands statt. Dann gleiten 16 000 Menschen auf holprigem Natureis 200 Kilometer lang über die zugefrorenen Kanäle, bei bitterkaltem Gegenwind, bei eisigen Temperaturen und in drangvoller Enge. An den Ufern stehen 500 000 zum großen Teil tanzende Menschen, unzählige Musikkapellen, Partyzelte und Glühweinstände. Erik Hulzebosch, einer der besten Eisschnellläufer Hollands, sagte einmal: „Am schönsten ist Heiraten, aber dann kommt die Elf-Städte-Tour.“

1909 wurde die Tour erstmals gelaufen, damals mit 22 Teilnehmern. Aber der Wettbewerb entwickelte sich bald zum Massenereignis in Holland. Die besten Läufer benötigen nicht mal sieben Stunden, viele Freizeitläufer torkeln erst nach 24 Stunden ins Ziel. Evert van Benthem benötigte in den ungewöhnlich kalten Wintern 1986 und 1987 rund sieben Stunden.

Verständlich in einem Land, in dem Eisschnelllauf Schulsport ist und selbst bei der Hausfrauen-Gymnastik Eisschnellauf-Übungen zum Programm gehören. 13 Eishallen, elf davon überdacht, gibt es in Holland, zusätzlich zu den unzähligen Kanälen. Allein 150 000 Menschen sind im holländischen Eisschnelllauf-Verband Mitglied. Die Masse aber sind Freizeitsportler, die kein Problem haben, in einer Halle auch mal 200 Runden zu drehen, wenn nicht genügend Kanäle zugefroren sind. Dass die Hallen meist privatisiert sind, und eine Tageskarte für Erwachsene zehn Euro kostet, macht nichts. Die meisten haben ohnehin Jahreskarten.

Die Freizeitsportler treibt ein ganz anderes Problem um. Die Winter sind zu warm geworden. Die Chance, dass die Kanäle zwischen den elf Städten zufrieren, sinken von Jahr zu Jahr. Deshalb exportieren sich die holländischen Eisschnellläufer seit ein paar Jahren quasi selber. In Finnland haben ein paar findige Läufer aus Holland einen riesigen See entdeckt. Dort organisieren sie jetzt eine Art Alternativ-Tour. In einer riesigen Schleife, rund 15 Kilometer lang, wird der See umkreist. Gesamtstrecke: 200 Kilometer. Nicht so aufregend wie der Elf-Städte-Lauf, aber immerhin besser als nichts. Mehrere hundert Holländer fahren jeden Winter nach Finnland.

Seit dem vergangenen Winter fliegen sie auch nach Kanada. Dafür hat auch Evert van Benthem gesorgt. Holländische Reiseveranstalter haben ihn lange bearbeitet. Er soll doch auf dem Sylvain Lake, nördlich von Calgary, einen internationalen Marathon organisieren, sagten sie. Das würde die Popularität des Wettbewerbs steigern. Irgendwann stimmte er zu, seit dem Winter 2004/2005 ist er der Chef-Veranstalter der Tour, und holländische Firmen bezahlen ihn dafür. Und seither weiß in Holland jeder auch, wie es derzeit auf van Benthems Farm aussieht. Denn die holländischen Fernsehteams sind gleich mitgekommen .

Bisher erschienen: Thaiboxen in Thailand, Pétanque in Frankreich, Badminton in Indonesien und Hurling in Irland.

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