Sport : Ein neues Leben

Ukraine meldet sich zurück: 4:0 über Saudi-Arabien

Armin Lehmann[Hamburg]

Erst war da die Schande, dann die Rehabilitation. Seit dem gestrigen Abend wissen die Teilnehmer dieser WM, dass die Ukraine das Fußballspielen nicht verlernt hat. 0:4 hatte sie im ersten Spiel der Gruppe H gegen Spanien verloren und sich mächtig schämen müssen. Die Art und Weise, wie die Ukraine sich am Montag gegen Saudi-Arabien ins Zeug legte, bei strömendem Regen und einem heftigen Temperatursturz, beruhte gewiss auf dem unbedingten Willen zur Wiedergutmachung. Das 4:0 (2:0) gegen chancenlose Afrikaner verhilft der Ukraine nun wieder zu einer guten Ausgangsposition für das Erreichen der nächsten Runde. Der Ukraine genügt wahrscheinlich ein Unentschieden im letzten Gruppenspiel gegen Tunesien, die Chancen Saudi-Arabiens sind nur noch theoretischer Natur.

„Das war heute eine Cinderella-Story“, sagte Ukraines Trainer Oleg Blochin, „aus dem Aschenputtel ist eine wunderschöne Prinzessin geworden.“ Der Trainer hatte nach dem Debakel gegen Spanien seine Mannschaft leicht verändert und mit Swiderski und Kalinitschenko zwei neue Spieler gebracht. Vor allem die Hereinnahme Kalinitschenkos erwies sich als Glücksfall. War das Spiel gegen Spanien noch im Aufbau wie gelähmt, sorgte der Mann von Spartak Moskau für Druck.

Fast überall auf dem Feld war er zu finden, nahm die Bälle vor der Dreierkette auf und schleppte sie, technisch versiert, zu den Spitzen. Seine zweite Ecke in der zweiten Minute brachte ihm gleich einen Scorerpunkt ein. Vom Strafraumende hatte sich Russol bis an den Fünfmeterraum geschlichen und spielte den Ball Torwart Zaid mit dem Knie durch die Beine zum 1:0. In der 35. Minuten rutschte der indisponierte Torhüter sogar aus, und Rebrows Schuss aus 30 Metern fand ungehindert den Weg zum 2:0 ins Tor.

Während die Ukraine anfangs aggressiv und mit großer Laufarbeit den Gegner früh störte, nahmen die Spieler nun auch gelegentlich das Tempo raus und warteten auf die Gelegenheit zum Steilpass. Saudi-Arabien kombinierte zwar gefällig, doch vorne ergaben sich keine zwingenden Torchancen. Die waren auf der anderen Seite zu sehen, einmal auch mit genialer Mithilfe des Schiedsrichters, der den Ball an den Fuß bekam, auf – natürlich – Kalinitschenko „spielte“, in der Mitte verpasste Schewtschenko dessen Pass knapp.

Als erstes Team stand die Ukraine dann zur zweiten Hälfte bereit, noch hatte man das Reha-Werk nicht beendet. Kaum war der Gegner erschienen, stand es auch schon 3:0. Wieder war es Kalinitschenko, der einen Freistoß in den Strafraum zirkelte, diesmal vollendete Schewtschenko das, was ihm in der ersten Halbzeit verwehrt geblieben war. Zaid war beim Kopfball des Ukrainers ausnahmsweise machtlos.

„Uns ist das Gleiche passiert wie der Ukraine gegen Spanien“, sagte Saudi-Arabiens Trainer Marcos Paqueta, „wir haben gekämpft, aber es war nicht unser Tag.“ Afrikas Spieler des Jahres, Mohammed Noor, wurde ausgewechselt, und schließlich war es dem besten Mann auf dem Feld, Kalinitschenko, vorbehalten, die ganze Schuld vom Spanien-Spiel zu tilgen. Mit dem Treffer zum 4:0.

„Wir hatten die Pistole auf der Brust“, sagte Stürmer Andrej Schewtschenko, „jetzt sind wir in ein neues Leben eingetreten.“ Sein Trainer dachte bereits wieder an den ganz großen Erfolg. „Natürlich träumen wir weiter vom Titelgewinn, aber unsere Chancen sind nicht sehr hoch“, sagte er, „es sind bessere Mannschaften im Turnier, aber wir werden kämpfen.“ Das nächste Mal wieder am Freitag gegen Tunesien.

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