Sport : Ein neues Zuhause

Basketball hat in Serbien-Montenegro eine Heimat gefunden – bei der EM fehlt aber noch sportlicher Erfolg

Benedikt Voigt[Vrsac]

Dirk Nowitzki ist ein höflicher Mensch, der deutsche Basketball-Nationalspieler verschweigt einfach, dass das Mannschaftshotel „Srbija“ in Vrsac auch durchschnittlichen Ansprüchen nicht genügt. Eine einheimische Reporterin hatte ihn gefragt, wie es ihm in Serbien-Montenegro gefalle. Er hätte erzählen können, dass die Spieler in der Hotellobby Schlange stehen, um an einen der drei Computer mit Internet-Zugang zu gelangen. Doch der NBA-Star von den Dallas Mavericks antwortet: „Ich fühle mich gut hier.“ Eines ist ihm sofort positiv aufgefallen. „Jedes Spiel wird im Fernsehen übertragen“, sagt Nowitzki, „vor zwei Jahren in Schweden konnte man kein Spiel sehen.“ Die Reporterin lächelt über diese freundlichen Antworten.

Die Europameisterschaft 2005 findet in einem Heimatland des Basketballs statt. Zwar ist das Spiel in den USA erfunden worden, doch in Serbien-Montenegro hat es ein weiteres Zuhause gefunden gefunden. „Hier ist Basketball das, was Fußball in Brasilien ist“, sagt der deutsche Nationalspieler Marko Pesic, der im ehemaligen Jugoslawien geboren ist. Überall in den Hinterhöfen und an den Hauswänden hängen Körbe. In der offiziellen EM-Broschüre heißt es: „Wir zeigen unsere Liebe zum Basketball, ein Spiel, das wir von früher Kindheit an spielen.“ Die jüngere Geschichte des Landes ist geprägt von großen Basketball-Erfolgen, der wichtigste war der WM-Titel 2002 in Indianapolis, im anderen Heimatland dieses Sports. „Es gibt keine Goldmedaille im Basketball, die wir noch nicht gewonnen haben“, meldet die EM-Broschüre stolz. Sie trägt den Titel: Willkommen im Land des Basketballs. Doch es ist auch ein Land, das tragische politische Zeiten erlebt hat.

„Diese Europameisterschaft ist sehr, sehr wichtig für Serbien-Montenegro“, hat der ehemalige jugoslawische Nationaltrainer Svetislav Pesic dem Magazin „Basketball“ gesagt. „Schließlich ist die EM die erste Großveranstaltung nach dem Krieg und den Sanktionen.“ Das Turnier der besten 16 europäischen Nationalteams gilt als nationale Aufgabe. Sein Sohn Marko Pesic sagt: „Die EM ist eine gute Möglichkeit, das Land zu präsentieren, und zu zeigen, wie es wirklich ist.“ Tatsächlich sind die Helfer bei der EM durchweg sehr freundlich.

Diesmal nämlich soll die Politik keine Rolle spielen. In der Vergangenheit hatte sie sich immer wieder in den Sport eingemischt. So zerschlug der Krieg Anfang der 90er-Jahre eine Mannschaft, die als goldene Generation in die Sportgeschichte eingegangen ist. Plötzlich spielten Vlade Divac und Alexander Djordjevic für Rest-Jugoslawien, Toni Kukoc und Dino Radja für Kroatien und Juri Zdovc für Slowenien. Zdovc erlebte, wie sich sein Land während der Basketball-EM 1991 für unabhängig erklärte. Vor dem Halbfinale erhielt er ein Fax des slowenischen Sportministers, in dem von Verrat die Rede war, falls er weiter für Jugoslawien spiele. Er musste in seinem Hotelzimmer bleiben.

Bei der EM 1995 gewannen die Jugoslawen nach einem dreijährigen Teilnahmeverbot die Goldmedaille und provozierten bei der Siegerehrung die drittplatzierten Kroaten mit dem Zeichen der Tschetniks, der ultra-nationalistischen Freischärler. Die Kroaten verließen empört die Halle. Es gibt immer noch Schwierigkeiten zwischen den Völkern. Der serbische Flügelspieler Milan Gurovic hat sich auf seinem Oberarm das Gesicht des Tschetnik-Führers Draza Mihajlovic tätowieren lassen. Daraufhin durfte er vor einem Jahr mit Partisan Belgrad nicht nach Kroatien einreisen. „Gurovic ist eben der Meinung, dass Mihaljovic eine bedeutende Persönlichkeit der Geschichte war“, sagt Svetislav Pesic.

Bei der aktuellen EM aber tritt die Politik in den Hintergrund. Die favorisierten Gastgeber, die gleich fünf NBA-Spieler aufbieten, verloren im ersten Spiel überraschend gegen Spanien (70:89) und hatten auch beim Sieg gegen Israel lange Zeit Mühe. „Eine Ohrfeige von Spanien“ titelten die Zeitungen. Serbien-Montenegro erlebt eine kleine sportliche Krise. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben