Sport : Ein paar Minuten für die Ehre

Wie die Tour de France über die Kleinstadt Beauvais hinwegrauschte

Christian Tretbar[Beauvais]

Speedy macht heute ganz langsam. Der Besitzer des weißen Opel Corsa wird wohl noch eine Weile auf sein Auto warten müssen, das seit Stunden unangetastet auf der Hebebühne der Autowerkstatt „Speedy“ steht. Heute ist Ausnahmezustand in Beauvais. Heute gibt es Wichtigeres, als den Auspuff eines Opel Corsa. Heute rollt die Tour de France durch den Ort, und zwar direkt an „Speedys“ Rolltür vorbei. Beauvais liegt rund 65 Kilometer nordwestlich von Paris. Eine Stunde zehn Minuten mit dem Zug. Rund 60 000 Menschen leben hier. Es gibt ein Kino, eine Schnellrestaurant-Kette und einen kleinen Flughafen in der Nähe.

Es ist kurz vor halb elf an der Rue de Calais. Polizei, Stadtwerke und Ordnungsamt sind im Einsatz. Die Straße muss rechtzeitig gesperrt werden. Gegen zwei Uhr werden die Fahrer erwartet. Über die Rue de Calais werden sie kommen, in einer Spitzkehre rechts abbiegen in den Boulevard Dr. Lamotte und Beauvais dann wieder verlassen. Keine fünf Minuten wird das dauern.

Trotzdem sind schon Leute da. Sie haben nichts groß vorbereitet in Beauvais, aber gespannt sind sie trotzdem. René hat sein Bistro „Café de L’Oise“ direkt an der Rue de Calais. Es ist halb zwölf, und er trägt schon eine gelbe Kappe der Tour; „Legends of Tour“ steht darauf, und er denkt auch lieber an früher. „Da gab es diese ganzen Dopinggeschichten noch nicht.“ Trotzdem ist er aufgeregt wie ein Kind: „Ich liebe die Tour, es ist eine große Ehre, dass sie heute durch unseren Ort fährt.“

Das findet auch Caroline Cayeux. Sie ist Bürgermeisterin der kleinen Stadt und schon seit dem frühen Morgen unterwegs, um zu schauen, dass auch alles in Ordnung geht. „Selbst wenn die Tour nur drei Minuten durch unseren Ort rollt, ist das eine große Sache.“ Der Aufwand für diese kleine Episode Tour de France in Beauvais ist ordentlich. Am 15. Dezember 2003 erfuhr die Stadt von ihrem Glück. „Seitdem sind wir in Kontakt mit verschiedenen Behörden, um alles zu organisieren“, sagt Bertrand Humel, der bei der Stadtverwaltung für die Durchführung verantwortlich ist. 200 Leute aus Verwaltung, Polizei und Ordnungsamt seien mit der Tour beschäftigt gewesen. Für einen halben Tag legt die Verwaltung die Vollmacht über die Stadt in die Hände der Tour. „Das ist eine Besonderheit, aber für eine kurze Zeit wechselt der Eigentümer und die Verantwortung“, erklärt er.

Gegen halb eins kommt endlich die Werbekaravane, sie passiert Beauvais, ohne viel Radau zu machen. Es regnet, trotzdem werfen die Animateure brav Chips und Süßigkeiten. Die Zuschauer stört der Regen nicht. Nach der Werbung kommt lange nichts. Einige Teamwagen rasen vorbei, um 14.09 Uhr rollt endlich das Spitzentrio an, bremst kurz ab und verschwindet wieder. Die Teamwagen donnern hinterher. Ruhe, Ende des ersten Aktes. Wieder warten. 14.21 Uhr, zweiter Akt. Ein kreisender Hubschrauber kündigt ihn an. Das Feld kommt, US Postal und T-Mobile vorneweg. Die Gesichter der Fahrer vom Regen aufgeweicht. Auch sie bremsen kurz ab, legen sich in die Kurve – und weg. Danach dauert es noch einmal zwei Minuten bis alle Teamwagen, Fernsehteams und die gelben Wagen der Organisatoren durchgerauscht sind. Am Ende wie immer der Besenwagen. Speedy hat die ganze Zeit an der Hebebühne gelehnt. Um halb drei gibt er sich einen Ruck. Der Corsa wartet.

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