Sport : Ein Pass als Bezahlung

Warum Basketballer in Europas Nationalteams so schnell eingebürgert werden

Lars Spannagel[Bydgoszcz]

Wenn die Nationalhymne erklingt und er Arm in Arm mit seinen mazedonischen Mitspielern zur Flagge mit der gelben Sonne auf rotem Grund blickt, ist der Basketballer Jeremiah Massey manchmal doch ein kleines bisschen gerührt. „Es ist schon etwas Besonderes für mich, weil ich Teil dieses Teams bin“, sagt Massey, der in Detroit, Michigan, geboren wurde und bei der EM für Mazedonien spielt. „Aber es ist nun mal nicht mein Land.“ Wenn die Mazedonier heute (15.45 Uhr, live im DSF) im wohl entscheidenden Zwischenrundenspiel auf Deutschland treffen, wird Massey wenig Heimatgefühle mit aufs Feld nehmen. „Im Grunde ist es so ähnlich, wie für meinen Klub aufzulaufen“, sagt der 27-Jährige.

Massey, mit zwölf Punkten im Schnitt bislang bester Mazedonier bei der EM, ist nicht der einzige Amerikaner, der bei dem Turnier für ein anderes Land antritt. Pro Team ist ein eingebürgerter Spieler erlaubt. E. J. Rowland, der Alba Berlin mit Bonn im vergangenen Jahr aus den deutschen Play-offs warf, war der beste Spieler der bereits ausgeschiedenen Bulgaren. Das junge russische Team vertraut auf den 34-jährigen Kelly McCarty, der damit leben muss, dass sein Nachname auf dem russischen Trikot zu „Mak Karti“ verballhornt wird. Russische oder bulgarische Wurzeln haben natürlich weder Rowland noch McCarty, auch Masseys Bezug zu Mazedonien ist anderer Natur.

Der Mazedonier Jeremiah Massey kam im Jahr 2008 „zur Welt“, als der Amerikaner Massey bei Aris Thessaloniki in Griechenland unter Vertrag stand. „Aris hat einen Weg gefunden, mir einen mazedonischen Pass zu besorgen“, gibt Massey freimütig zu. Ein gutes Geschäft für alle Beteiligten: Aris bekam einen Spieler mit europäischem Pass, der das Ausländerkontingent nicht mehr belastete. Als Europäer wurde Massey für viele Klubs interessanter und steigerte seinen Marktwert, mittlerweile ist er beim Europaligisten Real Madrid angekommen. „Im Gegenzug habe ich die Verpflichtung, für die mazedonische Nationalmannschaft zu spielen“, sagt Massey. „Das war der Deal.“

Bundestrainer Dirk Bauermann findet solche Geschäfte „eigentümlich“. Doch auch der Deutsche Basketball-Bund (DBB) hat in der Vergangenheit deutschstämmige Amerikaner wie Shawn Bradley und Chris Kaman eingesetzt. „Aber das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe“, sagt Bauermann. In Deutschland müsse alles den Gesetzen entsprechen. „Bei uns ist es sehr, sehr schwer, Spieler einzubürgern“, sagt auch DBB-Präsident Ingo Weiss. „Bei Kaman hat es uns ein Dreivierteljahr gekostet, bis wir alle Unterlagen beisammen hatten.“ In Russland beispielsweise sei man da großzügiger. Durch Zufall, erzählt Weiss, habe er einmal den Reisepass von J. R. Holden in den Händen gehalten – der in Pittsburgh geborene Aufbauspieler traf vor zwei Jahren für die Russen den entscheidenden Wurf zum EM-Titel gegen Spanien. „Wladimir Putin persönlich hat Holdens Pass unterschrieben“, sagt Weiss.

Beim Basketball-Weltverband Fiba wurde sogar schon darüber diskutiert, die Anzahl der eingebürgerten Spieler zu erhöhen oder ganz freizugeben. „Den Vorschlag haben natürlich die Russen gemacht“, sagt Weiss. „Da habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt.“ Weiss schließt allerdings nicht aus, dass auch der DBB in der Zukunft nochmals von der Regel Gebrauch macht: „Mit einem eingebürgerten Spieler pro Land kann ich leben. Wir werden aber aufpassen.“

Jeremiah Massey kann man nicht vorwerfen, er mache dem mazedonischen Trikot keine Ehre. Bei der 57:83-Niederlage seines Teams am Freitag gegen die Franzosen rackert er noch, als das Spiel längst verloren ist und seine Mitspieler nur noch lustlos über das Feld traben. Geld bekommt Massey für seine Einsätze unter mazedonischer Flagge aber nicht: „Meine Bezahlung war der Pass.“ Trotz dieser nüchternen Einstellung zu seinem neuen Vaterland lieben ihn die mazedonischen Fans. Selbst nach dem Debakel gegen Frankreich lassen sie nichts auf ihn kommen. „Er kämpft immer am härtesten“, sagt einer. „Ich bin mir sicher: In seinem Herzen ist er Mazedonier.“

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