Sport : „Ein peinliches Finale“

Meine EM – in unserer Serie erinnern sich deutsche Nationalspieler an ihre besonderen Turnier-Momente. Heute Folge 6: Karlheinz Riedle über die Stimmung im Team von 1992 und die Big-Mac-Truppe aus Dänemark

Karlheinz Riedle

Fast hätte ich gesagt, dass meine Erinnerungen an die Europameisterschaft 1992 in Schweden nur noch vage sind. Das würde man mir aber vermutlich falsch auslegen, wegen der peinlichen Finalniederlage gegen die Dänen. Die hat uns viel Häme und Spott in der Heimat eingebracht. Mein Gott, was haben wir uns nach dem verlorenen Finale anhören müssen. Verloren gegen die Big-Mac-Truppe aus Dänemark! Das war ja fast noch das Freundlichste.

Je intensiver ich zurückblicke, desto klarer werden meine Bilder an die damalige Zeit. Ich kann diese Europameisterschaft schon deswegen nicht vergessen, weil sie wirklich außergewöhnliche Begleitumstände hatte. Da ich damals wie sechs oder sieben andere deutsche Nationalspieler in der italienischen Liga spielte, erlebte ich das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten zwar nicht hautnah mit, aber ich bekam zumindest die Ausläufer zu spüren. Schon in der Qualifikation waren ja Matthias Sammer und Thomas Doll, die früher bei Dynamo Dresden beziehungsweise Dynamo Berlin gespielt haben, zu uns gestoßen. Später waren dann auch noch Andreas Thom und Ulf Kirsten aus dem ehemaligen Osten dazugekommen. Eigentlich hätten wir ja beinahe gegeneinander gespielt, denn die Auslosung zur EM-Qualifikation im Frühsommer 1990 hatte ein Duell mit der DDR vorgesehen. Das kam dann logischerweise nicht mehr zustande; aus unserer ursprünglichen Fünfer- war eine Vierergruppe geworden.

Und dann gab es ja noch – leider – den Balkankonflikt, weshalb die qualifizierten Jugoslawen aus dem Turnier genommen und durch den Zweiten ihrer Qualifikationsgruppe, Dänemark, ersetzt wurden. Daraus ergab sich dann die kuriose Situation, dass die Dänen sich schon geschlossen im Sommerurlaub befanden. Das muss man sich heute mal vorstellen: Die wurden praktisch vom Strand weggeholt! Und plötzlich stehen die Dänen, die sich so überhaupt nicht auf dieses Turnier vorbereitet hatten, im Finale.

Das war schon speziell, vor allem, wie sie im Halbfinale die starken Holländer bezwangen – sensationell. Leider wurde in den Medien für meine Begriffe immer vergessen, dass die Dänen damals eine Mannschaft hatten, in der wirklich auch außergewöhnliche Fußballer steckten wie beispielsweise Brian Laudrup, Henrik Larsen, Kent Nielsen oder Torwart Peter Schmeichel.

Aber gut, wir waren ja auch nicht gerade irgendwer. Wir traten in Schweden immerhin als amtierender Weltmeister an. Bis auf Pierre Littbarski und Klaus Augenthaler, die mittlerweile ihre Nationalmannschaftskarrieren beendet hatten, fehlte eigentlich nur der verletzte Lothar Matthäus. Und halt Franz Beckenbauer, der auch nicht mehr unser Teamchef war. Er hatte den Posten an Berti Vogts weitergereicht – und ihm ja einen schönen Satz mit auf dem Weg gegeben: Mit den tollen Spielern aus dem Osten würde diese Mannschaft auf Jahre hinaus unschlagbar sein.

Wir hatten einige Mühe, ins Turnier zu kommen. Woran es im Einzelnen lag, kann ich nicht mehr sagen. Berti hatte viele neue Spieler in die Nationalmannschaft geholt wie Thomas Helmer, Stefan Effenberg oder Manfred Binz. Das System blieb weitgehend unverändert. Aber anders als bei der Weltmeisterschaft in Italien, bei der ich nur viermal zum Einsatz gekommen war, bin ich bei der EM in Schweden als Stürmer neben Rudi Völler gesetzt gewesen. Ich hatte mir den Platz von Jürgen Klinsmann erkämpft, was dieser überhaupt nicht verstand. Es gab damals ziemlich viel Stress und Zoff in der Presse deswegen. Allerdings verletzte sich der Rudi gleich im ersten Gruppenspiel, so dass der Jürgen und ich das Sturmduo bildeten. Rudi konnte nicht mehr spielen. So gesehen stand das Turnier nicht unter dem besten Stern.

Gegen die GUS waren wir in Norrköping äußerst bescheiden mit einem 1:1 gestartet, der starke Icke Häßler hatte in der letzten Spielminute den Ausgleich erzielt. Dann schlugen wir Schottland. Vor dem letzten Gruppenspiel hätten noch drei Mannschaften aus unserer Gruppe ins Halbfinale einziehen können. Wir benötigten gegen die Holländer einen Punkt, verloren aber 1:3. Gott sei dank schlugen parallel die Schotten die GUS, was uns das Tor ins Halbfinale doch noch öffnete.

Wir brauchten wirklich ein besonderes Erlebnis, um endlich in die Gänge zu kommen. Für uns war es dann das Halbfinale gegen die Gastgeber. Die Schweden hatten in ihrer wirklich schweren Vorrundengruppe immerhin England und Dänemark geschlagen sowie die Franzosen um den damaligen Superstar Eric Cantona hinter sich gelassen. In Stockholm gelang uns dann auch unsere mit Abstand beste Turnierleistung. Icke hatte uns relativ schnell in Führung gebracht, wieder mit einem direkt verwandelten Freistoß. Ich kann mich schon deshalb gut an dieses Halbfinale erinnern, weil mir die Treffer zum 2:0 und 3:1 gelangen. Vor allem mein zweites Tor eine Minute vor dem Abpfiff sollte wichtig sein, denn im Gegenzug schossen die Schweden noch das 3:2.

So standen wir im Finale, und die halbe Welt sah in uns schon den Europameister. Wenn ich heute an die Berichte denke, war es angeblich nie einfacher gewesen, einen großen Titel zu gewinnen. Es ging nur noch um die Höhe unseres Sieges. Ich glaube nicht, dass uns dieses Gerede den Blick verstellte. Auf die leichte Schulter haben wir die Dänen nicht genommen. Ich glaube vielmehr, dass wir damals eine falsche Taktik gewählt hatten, mit vielen langen Bällen, obwohl die Dänen zwei Riesen in der Verteidigung hatten. Wir waren auch wirklich nicht gut an diesem Tag. Und plötzlich hatte der Außenseiter, der als Ersatzmannschaft gestartet war, den Favoriten geschlagen.

Ein paar Jahre später machte ich eine ganz ähnliche Erfahrung wie damals die Dänen. Ich erlebte, wie man sich fühlt, wenn man als krasser Außenseiter in ein großes Finale geht. Das war 1997, als ich mit Borussia Dortmund das Endspiel der Champions League erreicht hatte. Juventus Turin war damals der haushohe Favorit, trotzdem schlugen wir die Italiener 3:1. Auch in diesem so wichtigen Spiel waren mir zwei Treffer gelungen. Das war für mich die denkbar beste Antwort, die ich auf die Finalniederlage bei der EM 1992 geben konnte.

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt

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